Sollen Schwangere dem Bauch vertrauen oder dem Ultraschall?

Es klingt toll, wenn ein Chefarzt an die Kraft der Schwangeren appeliert: Chefarzt Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn tut im Blog der Firma Medela im April 2018 kund, weshalb er sich wünscht, dass Schwangere wieder mehr ihrem Bauch vertrauen. “Früher wurde die Schwangerschaft ja als Zeit der guten Hoffnung bezeichnet. Man schaute positiv auf das Mysterium, das da im Bauch heranwuchs. Seitdem wir das Kind quasi als Patient mitentdeckt haben, sind viele Frauen auch verunsichert. Es würde mich sehr freuen, wenn Frauen wieder mehr ihrem Bauch vertrauen. Deshalb sage ich immer: Nutzt die Zeit der guten Hoffnung und macht euch keine Sorgen!” Aber wenn er dann auf Station ist, dann macht er doch zur Sicherheit lieber Ultraschall. Das entnehmen wir einer wissenschaftlichen Veröffentlichung aus seiner Klinik. Am besten so nah wie möglich am Geburtstermin, damit man sich auch nicht verschätzt. Also soll das Mysterium doch besser kein Mysterium bleiben, sondern lieber aufgedeckt und vermessen werden, je exakter, desto besser.

Die Firma Medela verkauft Technik rund um die Geburt, zum Beispiel Saugglocken. Weniger Technik kann sie sich gar nicht wünschen, eher mehr, dann macht sie mehr Umsatz. Also klingt es ein wenig seltsam, wenn auf solch einem Blog dazu aufgefordert wird, nur dem Bauch zu vertrauen. Aber es klingt eben positiv. Vermutlich möchte man die Frauen auch nicht damit verunsichern, dass man möglichst nah an der Geburt noch einen Ultraschall benötigt, wenn man das Geburtsgewicht richtig bestimmen will. Das schreibt oder verkündet Professor Abou-Dakn dann eben doch für Ärzte.

In einer Studie aus seiner Geburtsabteilung am St. Joseph Krankenhaus in Berlin wurde geprüft, wie gut man mittels Ultraschall bei 575 diabeteskranken Schwangeren abschätzen kann, wie schwer das Kind sein wird – im Mittel etwa 5 Tage vor der Geburt. Das ist wichtig (sollte also kein Mysterium bleiben), weil diese Mütter oft sehr schwere Kinder haben und dadurch das Kind oft stecken bleibt während der Geburt (Schulterdystokie). Bei rund 60 % der Untersuchten wurde das Geburtsgewicht mit einer Abweichung von 10% nach oben oder unten korrekt vorhergesagt. Was auch nur heißt, dass ein Kind mit geschätzten 4000g auch 4400g wiegen kann. Aber bei mehr als einem Fünftel der Frauen (22,2%) wurde das Gewicht unterschätzt um 10-20%, was heißt, dass zum Beispiel ein Kind mit 5000g fälschlich auf nur 4000g geschätzt wurde. Und: je höher das Gewicht des Kindes, desto öfter wurde es falsch eingeschätzt, bei über 4000g hatten sich die Untersucher bei mehr als der Hälfte der Frauen vertan. Fazit: Sie fordern einen Ultraschall noch näher am Geburtstermin, um die Fehlerquote zu senken.

Was nehmen wir daraus mit: Große, schwere Kinder bergen für den Geburtsvorgang ein höheres Risiko, man sollte also gerade bei Frauen, deren Kinder vermutlich mehr wiegen, genau wissen, was auf die werdende Mutter zukommt, um sie entsprechend beraten zu können. Selbst mit Ultraschall liegen die Geburtshelfer und Hebammen oft falsch. Aber, und das ist das zweite Fazit: Ohne Technik und Ultraschall geht es nicht, will man einigermaßen orientiert sein, über das was kommt. Das will man auch am St. Joseph Krankenhaus in Berlin, der Klinik, wo deutschlandweit pro Jahr die meisten Kinder zur Welt kommen, mehr als 4000. Wenn also auch dort auf den Ultraschall vertraut wird, wenn man auch dort, statt das Mysterium zu belassen, es lieber noch genauer wissen will, dann sollte man das auch sagen und nicht fälschlich den Wunsch nähren, es könnte alles wie “früher” ablaufen. Das kreiert eine falsche Vorstellung von Geburten, als wäre ohne jede Technik, wenn die Mutter nur genug dem Bauchgefühl vertraut, alles besser. Eine Geburtshilfe sollte sich auch zu den Gefahren bekennen und sagen: Wir brauchen vor der Geburt möglichst korrekte Informationen, die erhält man nicht per Gefühl, sondern mittels Messung.

Meiner Ansicht nach zeigt dieses Beispiel einmal mehr, dass man in der Geburtshilfe häufig verbal gern tut, als könnte alles so einfach sein, in dem Wissen, dass es doch nicht so ist.

Am Schluss möchte ich noch auf eine kleine (aber wichtige) Auslassung hinweisen, die mir aufgefallen ist: Herr Abou-Dakn spricht davon, dass die Geburtsmediziner das Kind als Patienten entdeckt haben, aber er erwähnt nicht die Mutter, die auch oft als Patientin aus der Geburt hervorgeht. Es ist wichtig, dass Chefärzte so großer Geburtskliniken die Mütter und ihre Verletzungen in den Blick nehmen und bei der Geburtsvorbereitung auch gerüstet sind, möglichen Schaden von der Mutter abzuwenden.

Quellen:

Blog auf der Webseite des Herstellers von Geburtstechnik und Zubehör Medela: https://medela-blog.de/was-die-geburtshilfe-in-deutschland-braucht/

Goerlich F, Weiss C, … Abou-Dakn M, et al.: Unterschätzung des Geburtsgewichtes bei diabetischen Schwangeren durch Gewichtsschätzung per Ultraschall in Terminnähe. Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie 2013:217 – V15-6.

Müttern Angst machen vor dem Kaiserschnitt ist unfair – und wissenschaftlich unredlich

„Tradition suggests that mothers will unhesitatingly sacrifice their welfare in the interest of their babies”, sagt zum Beispiel Dr. W. Benson Harer jr., Chefarzt in Moreno Valley in Kalifornien. Mütter wollen, dass ihr Kind gesund geboren wird und gesund bleibt. Die Sorge um das Kind ist ein probates Mittel, um Schwangere zu beeinflussen, dafür tun Mütter alles, damit hat man sie am Haken. Umso perfider ist es, wenn Kaiserschnitt und natürlicher Geburt gegeneinander ausgespielt werden. Dies geschieht jetzt leider aufgrund einer Studie, die sich gut dazu eignet, missbraucht zu werden, weil viele wissenschaftliche Erkenntnisse außer Acht gelassen werden. Wer als Schwangere auf die Angstmache nicht hereinfallen will, wer sich nicht irre machen lassen will, muss genau hinsehen. Die wichtige Nachricht ist: Wieder einmal wird eindeutig und klar festgehalten, dass der Kaiserschnitt im Vergleich zur natürlichen Geburt vor Beckenbodenschäden schützt: Die Studie fand das Risiko für Harninkontinenz um 80% vermindert, das für Organ/Gebärmuttervorfall (Prolaps) war noch deutlicher verringert (1).Was den Beckenboden der Mutter intakt hält, soll den Kindern schaden. Das stürzt Mütter naturgemäß in schwere Konflikte. Aber was ist wirklich dran an diesen Behauptungen? Die Auswertung bezieht sich auf 79 Kohortenstudien aus eher wirtschaftlich prosperierenden Ländern mit insgesamt mehr als 30 Millionen Frauen. Die Kinder sollten bis zum Alter von 12 Jahren ein um 20% höheres Risiko haben, an Asthma zu erkranken und ein um fast 60% höheres Risiko haben, übergewichtig zu werden, wenn sie mit einem Kaiserschnitt zu Welt kamen im Vergleich zu jenen, die auf natürliche Weise geboren worden sind. Mit diesen “Vorwürfen” an den Kaiserschnitt habe ich mich hier im Blog bereits am 30. Oktober 2015 auseinandergesetzt und die Argumente gegen diesen Kurzschluss aufgeführt (“Ein Fehlurteil wird endlich widerlegt: Der Kaiserschnitt verursacht weder Autismus, noch Diabetes noch Asthma beim Kind”), aber auch in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2). Wichtig ist zu begreifen, dass viele Mütter den Kaiserschnitt erhalten, weil sie schon selbst Gesundheitsrisiken mitbringen, die dann natürlich das Kind anfälliger machen. Gleiches gilt für das Gewicht: Übergewichtige Mütter neigen eher zu Schwangernschaftsdiabetes, sie benötigen öfter einen Kaiserschnitt, weil die Geburt nicht so gut vorangeht. Die Kinder erleben schon im Mutterleib eine Stoffwechsellage, die sie anfälliger macht für das Speichern von Energieträgern. Auch das Essverhalten in solchen Familien leistet dem Übergewicht eher Vorschub. Aber dann macht nicht der Kaiserschnitt die Kinder dicker, sondern das Gewicht und eventuell ein Diabetes macht den Kaiserschnitt nötig. Wir vergleichen also nicht Kinder nach Kaiserschnitt und Kinder nach natürlicher Geburt objektiv miteinander, sondern die Kinder nach natürlicher Geburt stellen eine Auswahl von Kindern dar, die gesündere Voraussetzungen mitbringen. Somit lassen diese Studien nicht den Schluss zu, dass eine gesunde Schwangere, bei der es in der Vorgeschichte keine allergischen Erkrankungen gibt, die nicht übergewichtig ist, die keinen Schwangerschaftsdiabetes entwickelt hat, etc. für ihr Kind nach Kaiserschnitt hier erhöhte Risiken fürchten muss.Schließlich warnt die Studie noch vor vermehrten Fehl- und Totgeburten nach Kaiserschnitt. Kaiserschnitte sind fast die Regel bei älteren Frauen nach künstlicher Befruchtung. Deren Risiko, das Kind zu verlieren, ist enorm hoch. Wenn eine solche Gruppe mit in die Auswertung eingeht, lässt sich nicht ausschließen, ob dadurch das Ergebnis zuungunsten des Kaiserschnitts ausfiel. Auch hier gilt: Der Kaiserschnitt wird meist gemacht, weil etwas mit der Geburt nicht gut läuft, weil erhöhte Risiken bestehen. Diese können sich auch später in vermehrten Risiken für die weiteren Schwangerschaften niederschlagen. Auch hier darf man Ursache und Wirkung nicht verwechseln.Und schließlich die Gefahr des Reißens der Gebärmutter und der falschen Einnistung infolge der Narbe in diesem Muskelschlauch. Die sollte nicht vernachlässigt werden, weshalb vorsichtige Geburtshelfer nach einem Kaiserschnitt die Mode, es doch natürlich versuchen zu wollen, häufig nicht mitmachen wollen. Dann ist auch die Uterusruptur keine Gefahr. Man weiß, dass nach einem Kaiserschnitt sich die Plazenta, der Mutterkuchen, häufig am Ausgang der Geburtswege befindet, auch wächst die Plazenta fester an. Das kann man jedoch – und sollte es auch bewusst tun – bei Müttern nach einem ersten Kaiserschnitt mittels Ultraschall bei den nachfolgenden Schwangerschaften genau untersuchen. Ist man derart vorbereitet und weiß, mit was man zu rechnen hat, kann man dem bei dem nächsten Kaiserschnitt Rechnung tragen. Es wird künftig aber auch darauf ankommen, genau zu untersuchen, ob es vielleicht Operationsmethoden gibt, die das zu tiefe Einwachsen der Gebärmutter verhindern helfen. Oder womöglich könnten Nachbehandlungen der Narbe diese besser heilen lassen und diesen Nachteil verhindern. Dazu muss man aber intensiv die Möglichkeiten des Kaiserschnitts beforschen und nicht pauschal mittels schlechtem Gewissen bei den Müttern diesen partout verhindern wollen. Erst das unvoreingenommene Sammeln von Erfahrungen mit diesem Eingriff und der erklärte Wille, den Kaiserschnitt weiter zu verbessern, wird hier Abhilfe schaffen.

Quellen: 1. Keag OE, et al.: Long-term risks and benefits associated with cesarean delivery for mother, baby, and subsequent pregnancies: Systematic review and meta-Analysis. PLOS Medicine (online) 23. Januar 2018) http://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1002494

2. Geburtsmedizin: Ein guter Kaiserschnitt macht kein Kind krank (FAZ vom 8. September 2015) http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/geburtsmedizin-ein-guter-kaiserschnitt-macht-kein-kind-zum-kranken-13778813.html

Trauma Geburt: “Wie ein Vieh auf der Schlachtbank”

In der Tageszeitung “Die Welt” erschien Anfang Januar 2018 ein bemerkenswerter Artikel. Er trug den Titel: “Ich fühlte mich wie ein Vieh auf der Schlachtbank” und beschreibt am Beispiel von vier Frauen, wie Schwangere unter der Geburt leiden. Bemerkenswert daran ist die Offenheit, mit der endlich einer überregionalen Öffentlichkeit vor Augen geführt wird, wie traumatisch eine Geburt verlaufen kann.

Es ist nicht von ungefähr, dass der Artikel mit Verletzungen des Beckenbodens einer der Frauen beginnt: “Wir nähen ihre Frau ein bisschen enger, damit Sie auch was davon haben”, sagt eine Hebamme zu dem Partner der Frau, die gerade geboren hat. Das ist übergriffig, denn es tangiert zutiefst die Intimsphäre des Paares. Das zeigt aber vor allem, mit welcher Schnodderigkeit Verletzungen im Bereich der Genitalzone, der Harnwege, des Beckens und des Darmes abgetan werden. Und dass man denkt, mit ein paar Nähten sei das alles zu beheben. Augenwischerei ist das. Denn nicht nur die Naht kann nach der Vernarbung Schmerzen, auch wenn nicht genäht wird, wachsen Risse nicht immer so zusammen, dass es für die Frau ohne Folgen bleibt.

Frauen wollen die Gewalt, die sie gefühlt während ihrer Geburt erlebt haben, nun offen zum Thema machen und die Kliniken, wo dies geschah, an den Pranger stellen. Die Initiative “Gerechte Geburt” brandmarkte 2017 insgesamt 174 Geburtskliniken, das ist jede vierte in Deutschland, so heißt es in der Welt.

Des weiteren zeigt der Text, wie fahrlässig man bei einer anderen Frau Warnhinweise übergangen hat, etwa erhöhte Entzündungswerte. Die Geburt war ein Drama, nicht zuletzt durch Anwendung des so genannten “Kristeller-Handgriffes”. Dieser Ausdruck verdeutlicht nicht im mindesten die brachiale Gewalt, mit der das Kristellern oft vorgenommen wird, manchmal werfen sich die Geburtshelfer, Hebamme oder Arzt, mit der ganzen Wucht ihres Körpers so gegen den Bauch der Schwangeren, um das Kind mit Gewalt herauszudrücken, dass es zu Verletzungen von Kind und Mutter kommt. Im beschriebenen Beispiel musste die Frau denn auch notoperiert werden, weil das Kristellern alles verschlimmert hat.

Schade, dass als Erklärung für diese Missstände nur auf die Überlastung von Hebammen und Klinikpersonal geboten wird. Tatsächlich sind Geburten risikobehaftet, tatsächlich kommt es oft zum Geburtsstillstand, tatsächlich werden viele Frauen verletzt, tatsächlich verlaufen die wenigsten Geburten so, wie es Schwangeren gern im Geburtsvorbereitungskurs suggeriert wird. Aus der Forschung über Aufklärung von Patienten ist bekannt, dass sie umso besser den Stress einer Operation wegstecken, dass sie umso weniger Komplikationen erleiden, je besser und umfassender sie über die Risiken eines Eingriffs oder einer Behandlung aufgeklärt sind. Das soll nicht für werdende Mütter und ihre Partner gelten? Sehr oft kommt das Argument, man dürfe Schwangeren keine Angst machen, da sie sonst verkrampften und die Geburt erst recht schwierig verliefe. Wir kennen keine Studie, die dies untersucht hätte. Die Angst besteht, dann könnten sich viele Schwangere – angesichts ihrer individuellen Risiken – für einen Kaiserschnitt entscheiden. Aber es wäre nur fair, zu untersuchen, ob dieses Argument wirklich stimmt, ob richtig aufgeklärte Schwangere schwierigere Geburten haben oder ob sie vielmehr gefasster sind. Ob sie sich wirklich öfter für einen Kaiserschnitt entscheiden und wenn ja, wie sie das erleben. Und schließlich müsste man untersuchen, welche Gruppe am Ende langfristig gesünder, gefasster, zufriedener mit der eigenen Entscheidung ist. In der Medizin nennt man das ansonsten “informed consent” und das gilt als Errungenschaft einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten. Nur Geburtshelfer und Hebammen wollen sich dem ganz offenbar nicht stellen.

Frühgeburt und Beckenendlage: Kaiserschnitt ist am sichersten

Frühgeburten sind weltweit die Todesursache Nummer 1 bei der Kindersterblichkeit. Extrem früh geborene Kinder machen zwar nur 5% der Frühgeburten aus, werden aber mit gesundheitlichen Hypotheken für ihr weiteres Leben geboren, die einen Großteil kindlicher Gesundheitsschäden ausmachen. Frühgeburten liegen häufig in Beckenendlage, unter denen zwischen der 22 und der 28 Woche sind dies ein Drittel aller Babys. Werdende Mütter sollten beraten werden, dass in diesen Fällen der Kaiserschnitt das geringste Risiko für das Kind bedeutet.Vielen denken, da die oft auch sehr kleinen Babys mit geringem Geburtsgewicht eine viel einfachere natürliche Geburt erbmöglichen. Weit gefehlt, wie jetzt eine neue Untersuchung aus Kanada zeigt – auch diese Kinder profitieren in punkto Sicherheit vom Kaiserschnitt.

Schon der so genannte “Term Breech Trial” hatte 2004 gezeigt, dass es für Beckenendlagenkinder sicherer ist, wenn sie per Kaiserschnitt in die Welt geholt werden. Diese Studie ist zwar angefeindet worden, sie sei methodisch nicht gut gemacht gewesen. Aber eine weitere Studie, die rund zehn Jahre später veröffentlicht worden ist, hat die Ergebnisse bestätigt. Hier im Blog vom 26. August 2015 kann man das unter dem Titel: Beckenendlage: “Die Wahl fällt nicht mehr schwer” nachlesen. Nun drehen sich Kinder immer noch in der späten Schwangerschaft und die von Körpergröße her kleinen und oft untergewichtigen Frühgeborenen liegen zu einem erheblichen Teil in Beckenendlage – in bis zu 35% der Fälle. Wenn sie mittels Kaiserschnitt entbunden werden, reduziert dies für den Fall, dass die Kinder wiederbelebt werden müssen ihre Sterblichkeit um 41%. Zusätzlich verhindert man damit das Risiko für Hirnblutungen um 49%. Für Einblutungen in die Gehirnsubstanz sind Frühgeborene besonders anfällig und daraus resultieren oft schwerste Behinderungen für das gesamte weitere Leben.

Die kanadischen Forscher haben hierfür 15 Studien mit 12335 Kindern zur Analyse ausgewählt. Sie haben all jene Fälle untersucht, in denen die Frühgeborenen so sehr beeinträchtigt waren, dass sie unmittelbar nach der Geburt wiederbelebt, reanimiert werden mussten. Und am meisten profitierten die ganz jungen Frühgeborenen. Das widerlegt die Vorstellung, dass die ganz kleinen und damit oft auch sehr schmächtigen Babys es bei der Geburt einfacher haben, da sie leichter durch den Geburtskanal kämen. Das ist aber wohl nur vermeintlich so und zeigt einmal mehr, dass die rein mechanischen Vorstellungen oft eben keine ausreichende Erklärung bieten.

Klar ist, dass Schwangere und ihre Partner/Innen dies wissen sollten. Denn wenn eine Frühgeburt droht, so haben Mutter und Kind schon genug Schwierigkeiten zu bewältigen. Man sollte alles anbieten, dass die Komplikationen für das Kind möglichst klein hält.

Quellen:

Grabovac K, et al.: BJOG (online) 3. Nov. 2017

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.14938/full

https://www.mein-wunsch-kaiserschnitt.de/2014/08/26/neuer-blog-artikel/

https://www.medscapemedizin.de/artikel/4902499

Vlemmix F, et al: Acta Obstet Gynecol Scand (online) 11. August 2014 https://dx.doi.org/10.1111/aogs.12449

Hannah ME, et al: Lancet 2000;356(9239):1375-1383 https://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(00)02840-3

Sind Schwangere adipös, bleiben die Kinder bei der Geburt eher stecken

Die Schulterdystokie ist eine schwerwiegende Komplikation unter der Geburt. Damit meint man, dass das Kind stecken bleibt, nachdem der Kopf geboren ist. Das Problem stellen die breiten Schultern dar, die sich nicht leicht “entwickeln” lassen, wie es in der Sprache der Geburtshilfe heißt. Dann hilft oft auch kein verzweifeltes Ziehen am Kopf des Kindes, das birgt eigene Risiken.Nach Analyse zahlreicher Studien zum Thema kommen Geburtshelfer jetzt zu dem Schluss: Sind die Schwangeren adipös, ist das Risiko einer Schulterdystokie in Europa um gut 50% erhöht, in Asien gar um das zweieinhalbfache höher.

Die Forscher haben 20 Studien mit mehr als 2 Millionen Teilnehmerinnen ausgewertet. Es zeigte sich nicht nur, dass die Adipositas das Risiko für das Kind, im Geburtskanal festzustecken erhöht. Die Auswertung legt auch nahe, dass jedes Kilo das Risiko erhöht. So war es um 29% höher (gegenüber nicht adipösen Schwangeren), wenn die Mutter vor der Schwangerschaft einen Body-Mass-Index von 30 bis 35 kg/m2. Es vergrößert sich relativ um 94 % zur Vergleichsgruppe, wenn die Frauen vor der Schwangerschaft einen BMI von 35 bis 40 hatten, und sogar um 147 %, wenn der BMI über 40 kg/m2 lag. Das lässt vermuten, dass auch bereits “nur” übergewichtige Schwangere damit rechnen müssen, dass sie eher als normalgewichtige Frauen mit einer Schulterdystokie rechnen müssen.

Bei rund 0,1 bis 2,4 % aller Geburten – so lauten die ungenauen Angaben – sei mit einer Schulterdystokie zu rechnen. Die Angaben schwanken nicht zuletzt deshalb, weil nicht bei jeder Geburt dokumentiert wird, ob die Hebamme oder der Geburtshelfer kräftiger gezogen haben, wenn die Schulter nicht bald nach dem Köpfchen erscheint. Denn dieses Ziehen kann zu überstarken Dehnungen der Nerven in der Achselhöhle des Kindes und damit zu Armlähmungen führen. Auch Knochenbrüche sind eine Komplikation der Schulterdystokie, häufig am Schlüsselbein oder am Oberarmknochen. Für die Mutter erhöht sich das Risiko der Dammrisse, weil die Geburtshelfer und Hebammen mitunter mit irgendetwas in den Geburtskanal hineingreifen müssen, um die Schulter anders als durch Ziehen herauszubekommen oder es muss gleich ein großer Dammschnitt gemacht werden. Nicht zuletzt drohen Blutungen nach der Geburt.

Ein Grund für die Risikoerhöhung liegt darin, dass übergewichtige und adipöse Schwangere auch häufig zu schwere Kinder haben. So zeigte eine Analyse der Hessischen Perinatalerhebung (HEPE) aus 224 744 reifen vaginalen Einlingsgeburten aus Schädellage der Jahre 2002–2008, dass das Risiko einer Schulterdystokie bei Kindern unter 4000g bei 0,18% lag. In der Gewichtsgruppe 4000 g–4 499 g erhöhte es sich statistisch signifikant um das 8,1-fache und in der Gewichtsgruppe über 4 500 um das 27,3-fache.

Übergewicht und Adipositas sind bei Schwangeren zunehmend ein Problem. Aus einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2013 geht hervor, dass rund 20 Prozent der Frauen zwischen 18 und 39 Jahren übergewichtig sind (BMI von 25 bis 30) und dass im Alter von 18 bis 29 Jahren schon knapp 10 % adipös sind (BMI über 30), bzw. im Alter von 30 bis 39 Jahren dies schon auf 18% zutrifft.

Wer Schwangere in der Geburtsvorbereitung berät, muss also etwa einem Drittel der Frauen sagen, dass sie bei ihrer Geburt in Bezug auf die Schulterdystokie mit höheren Risiken rechnen müssen.

Quellen:

1. Zhang C, et al.: Maternal pregnancy obesity and the risk of sholder dystocia:
a meta-analysis. BJOG 2017 8. September 2017 https://doi.org/10.1111/1471-0528.14841

2. Mensink GBM, et al.: Übergewicht und Adipositas in Deutschland Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1).
Bundesgesundheitsbl 2013;56:786–794. https://edoc.rki.de/oa/articles/rec5I0tIFMfd2/PDF/23JuqX9byg62Q.pdf

3. Berle P et al.: Mütterliche antepartale Risiken einer Schulterdystokie. Z Geburtshilfe Neonatol 2009; 213(5): 171-175.
https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0029-1241869