Ein Fehlurteil wird endlich widerlegt: Der Kaiserschnitt verursacht weder Autismus, noch Diabetes noch Asthma beim Kind

Kaiserschnittgegner kommen den Müttern immer öfter mit dem Hinweis, dass sie mit der Entscheidung für die Sectio ihr Kind langfristig gefährdeten. Allergien wie Asthma, Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes oder auch Autismus kämen bei Kindern, die mittels Kaiserschnitt auf die Welt kamen, häufiger vor als bei jenen, die natürlich geboren wurden. Für die Eltern bedeuten diese unkritisch vorgebrachten Warnungen nicht selten eine große Verunsicherung. Muss ein Drittel aller Eltern – so hoch ist der Anteil der Kaiserschnittgeburten in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, z. B. in den USA – tatsächlich fürchten, ein Kaiserschnitt erhöhe für ihr Kind das Risiko, später chronisch krank zu werden und eine Diagnose wie Autismus, Asthma oder Diabetes zu erhalten? Autismus musste schon oft herhalten, wenn es darum ging, schwer zu widerlegende Vorwürfe zu erheben. Die Erkrankung ist nicht leicht zu diagnostizieren, solche Behauptungen sind mitunter schwer zu widerlegen. Im Zusammenhang mit der Sectio wurde Autismus schon öfter als „Angstmacher“ benutzt. Es wird für viele Mütter und Väter eine Entlastung sein, dass vor kurzem eine methodisch äußerst verlässlich angelegte Studie aus Schweden Entwarnung gibt. Dank der nahezu lückenlosen Datenerfassung im schwedischen Gesundheitssystem konnten aus fast 2,7 Millionen Menschen, die zwischen 1982 und 2010 in Schweden geboren wurden, 28.290 Patienten mit der Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) identifiziert werden. 13.411 von ihnen hatten Geschwister ohne eine solche Diagnose und bei 2.555 Geschwisterpaaren war das eine Kind mittels Kaiserschnitt und das andere auf natürliche Weise entbunden worden. Fazit der Auswertung: Der Kaiserschnitt selbst erhöht das Risiko für eine spätere autistische Störung nicht!

Wenn man lediglich zählt, wie viele Kinder mit einer solchen Diagnose prozentual unter den Kaiserschnittkindern sind und wie viele unter denen, die auf vaginalem Weg zur Welt kamen, so sind es nach Sectio zwar mehr. Das hat aber andere Gründe: „Bei ungefähr 30 Prozent der Kinder, deren Autismus genetisch bedingt ist, findet man auch einen größeren Kopfumfang“, erklärt Christine Freitag, die Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universitätsklinik in Frankfurt am Main. „Zudem gibt es Hinweise, dass diese Kinder nicht so aktiv bei der Geburt mitmachen wie gesunde Kinder, vermutlich, weil ihr Muskeltonus verringert ist“, fügt sie hinzu. All dies mindert bereits die Chancen, dass eine natürliche Geburt gelingen kann. Dann ist es nur logisch, dass autistisch veranlagte Kinder häufiger per Kaiserschnitt entbunden werden müssen, dass mithin unter Kaiserschnittkindern eher solche sind, die eine Autismus-Diagnose erhalten. Ähnlich wirkt es sich aus, dass ältere Mütter, etwa aufgrund der geringeren Dehnbarkeit ihres Bindegewebes, öfter per Kaiserschnitt entbinden. „Gleichzeitig wissen wir, dass ein höheres Alter der Eltern ein wesentlicher Risikofaktor dafür ist, dass Kinder später eine autistische Störung entwickeln“, erläutert die Expertin. So begünstigt ein Faktor beides: Das höhere Alter der Mutter erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Geburt mit einem Kaiserschnitt endet und dass das Kind eher gefährdet ist, die Diagnose Autismus zu erhalten. Das trägt dann u dem Irrtum bei, der Geburtsmodus sei für die spätere Erkrankung verantwortlich.Geschwisterstudien eliminieren diese Missverständnisse. Geschwister teilen einen Großteil des Erbgutes, sie wachsen in der gleichen Umgebung – also unter den gleichen Risikobedingungen – auf. Wenn dann eines von ihnen natürlich, das andere per Kaiserschnitt auf die Welt kam, lassen sich beim Vergleich die zugrunde liegenden Verzerrungsfaktoren, die der Statistiker Confounder nennt, weitgehend herausrechnen. Wenn beide Kinder von derselben Mutter stammen, hilft dies, die falsche Ursachenzuschreibung in klinischen Studien zu eliminieren. Und deshalb fand man in der aktuellen Geschwisterstudie nach Bereinigung um die Confounder eben keine Häufung von Autismus nach Kaiserschnitt. Louise Kenny, Frauenärztin an der Universitätsklinik Cork, von wo aus die Studie koordiniert wurde, betont, dass es aufgrund dieser neuen Studie keinerlei Evidenz dafür gebe, dass „der Kaiserschnitt Autismus verursache.“ Das gilt nicht nur für Autismus. Auch im Falle von Asthma haben sich Geschwisterstudien als hilfreich für die wissenschaftliche Entkräftung von Fehlurteilen erwiesen. „Erstgeborene werden häufiger als Zweitgeborene durch Kaiserschnitt entbunden, haben aber auch ein höheres Risiko für Allergien und Asthma“, erläutert der Asthmaforscher Markus Ege vom Dr. von Haunerschen Kinderspital Klinikum der Universität München. Dieses erhöhte Risiko wird aber zum Teil durch ganz andere Faktoren beeinflusst wie seltenere Infekte in der frühen Kindheit, da sich die Erstgeborenen nicht bei älteren Geschwistern anstecken können. „Aus diesem Grund wird der Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt und Asthma deutlich überschätzt”, erklärt Ege. Diese Verzerrungen kann man rechnerisch korrigieren, aber eben nur teilweise, weil man in Beobachtungsstudien nur einen Bruchteil aller Einflussfaktoren erfassen kann. Eine der Strategien, vorgetäuschte oder überschätzte Effekte durch unbekannte Confounder zu minimieren, besteht auch hier darin Geschwisterkinder zu vergleichen, da sie in derselben familiären Umgebung aufwachsen. Die Kinderärztin Catarina Almqvist von der Astrid Lindgren Kinderklinik in Stockholm konnte ähnlich wie ihre Kollegen in Cork mittels Auswertung der Daten von 87.000 Geschwisterpaaren zeigen, dass zwar ein Notkaiserschnitt nach einer ungünstig verlaufenden natürlichen Geburt das Asthmarisiko der so geborenen Kinder erhöht, nicht jedoch ein elektiver Kaiserschnitt, der bewusst und ohne Versuch einer natürlichen Geburt unternommen wurde. Das spreche eher dafür, dass zum Beispiel Vorerkrankungen, die eine natürliche Geburt erschweren, die Entwicklung von Asthma befördern, aber gegen den Kaiserschnitt als Verursacher, betonen die Forscher. Eine erst kürzlich publizierte chinesische Studie aus Hongkong stützt dieses Ergebnis: Hier zeigte sich nämlich, dass Kinder, deren natürlicher Geburtsverlauf besonders schwer und problematisch war, so dass sie mittels Zange oder Saugglocke herausgezogen werden mussten, auch ein erhöhtes Risiko für eine später Asthmaerkrankung hatten. Vor allem entkräftet dies die Hypothese, dass die Kinder, die im Geburtskanal mit den Bakterien der mütterlichen Scheidenflora in Kontakt kommen, immunologisch kompetenter seien, und deshalb weniger zu Allergien und Krankheiten neigten, die auf eine gestörte Abwehr zurückgeführt werden: Kinder, die per Zange oder Saugglocke geholt werden müssen, stecken sogar besonders lange im Geburtskanal fest, müssten theoretisch also ein bemerkenswert gut funktionierendes Immunsystem besitzen. Die jüngsten Ergebnisse sprechen aber eher dafür, dass schwierige Geburtsverläufe, die dann in einen Kaiserschnitt oder eben in eine Zangengeburt münden, auf ein inhärentes Risiko hindeuten und es nicht auf den Weg ankommt, auf dem ein Kind den Mutterleib verlässt. Das gilt nicht zuletzt für den Typ-1-Diabetes, ebenfalls eine Erkrankung, für dessen Zunahme häufig die höheren Kaiserschnittraten mitverantwortlich gemacht werden. Auch hier konnte die Gruppe um Almqvist mittels einer Geschwisterstudie zeigen, dass nichts vom erhöhten Risiko durch Kaiserschnitt übrig bleibt, wenn man die entsprechenden Confounder berücksichtigt („Pediatrics“ Bd. 134(3), S. e806). Für die Chefärztin Christine Freitag haben diese aufwändigen Geschwisteranalysen nicht zuletzt den positiven Effekt, dass sie den Müttern von tatsächlich erkrankten Kindern Schuldgefühle nehmen können: Nicht, weil sie per Kaiserschnitt geboren haben, ist ihr Kind erkrankt, es wäre ebenso erkrankt, wenn es eine natürliche Geburt gewesen wäre.

Quellen:

Curran EA, et al: Association Between Obstetric Mode of Delivery and Autism Spectrum Disorder: A Population-Based Sibling Design Study.JAMA Psychiatry 2015;72(9):935-942 http://archpsyc.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=2323630

Almqvist : The impact of birth mode of delivery on childhood asthma and allergic diseases – a sibling study.Clinical & Experimental Allergy 2012;42(9):1365-1376 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22925323

Leung JY: Mode of delivery and childhood hospitalizations for asthma and other wheezing disorders. Clin Exp Allergy 015 Jun;45(6):1109-17 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25845852