Müttern Angst machen vor dem Kaiserschnitt ist unfair – und wissenschaftlich unredlich

„Tradition suggests that mothers will unhesitatingly sacrifice their welfare in the interest of their babies”, sagt zum Beispiel Dr. W. Benson Harer jr., Chefarzt in Moreno Valley in Kalifornien. Mütter wollen, dass ihr Kind gesund geboren wird und gesund bleibt. Die Sorge um das Kind ist ein probates Mittel, um Schwangere zu beeinflussen, dafür tun Mütter alles, damit hat man sie am Haken. Umso perfider ist es, wenn Kaiserschnitt und natürlicher Geburt gegeneinander ausgespielt werden. Dies geschieht jetzt leider aufgrund einer Studie, die sich gut dazu eignet, missbraucht zu werden, weil viele wissenschaftliche Erkenntnisse außer Acht gelassen werden. Wer als Schwangere auf die Angstmache nicht hereinfallen will, wer sich nicht irre machen lassen will, muss genau hinsehen. Die wichtige Nachricht ist: Wieder einmal wird eindeutig und klar festgehalten, dass der Kaiserschnitt im Vergleich zur natürlichen Geburt vor Beckenbodenschäden schützt: Die Studie fand das Risiko für Harninkontinenz um 80% vermindert, das für Organ/Gebärmuttervorfall (Prolaps) war noch deutlicher verringert (1).Was den Beckenboden der Mutter intakt hält, soll den Kindern schaden. Das stürzt Mütter naturgemäß in schwere Konflikte. Aber was ist wirklich dran an diesen Behauptungen? Die Auswertung bezieht sich auf 79 Kohortenstudien aus eher wirtschaftlich prosperierenden Ländern mit insgesamt mehr als 30 Millionen Frauen. Die Kinder sollten bis zum Alter von 12 Jahren ein um 20% höheres Risiko haben, an Asthma zu erkranken und ein um fast 60% höheres Risiko haben, übergewichtig zu werden, wenn sie mit einem Kaiserschnitt zu Welt kamen im Vergleich zu jenen, die auf natürliche Weise geboren worden sind. Mit diesen “Vorwürfen” an den Kaiserschnitt habe ich mich hier im Blog bereits am 30. Oktober 2015 auseinandergesetzt und die Argumente gegen diesen Kurzschluss aufgeführt (“Ein Fehlurteil wird endlich widerlegt: Der Kaiserschnitt verursacht weder Autismus, noch Diabetes noch Asthma beim Kind”), aber auch in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2). Wichtig ist zu begreifen, dass viele Mütter den Kaiserschnitt erhalten, weil sie schon selbst Gesundheitsrisiken mitbringen, die dann natürlich das Kind anfälliger machen. Gleiches gilt für das Gewicht: Übergewichtige Mütter neigen eher zu Schwangernschaftsdiabetes, sie benötigen öfter einen Kaiserschnitt, weil die Geburt nicht so gut vorangeht. Die Kinder erleben schon im Mutterleib eine Stoffwechsellage, die sie anfälliger macht für das Speichern von Energieträgern. Auch das Essverhalten in solchen Familien leistet dem Übergewicht eher Vorschub. Aber dann macht nicht der Kaiserschnitt die Kinder dicker, sondern das Gewicht und eventuell ein Diabetes macht den Kaiserschnitt nötig. Wir vergleichen also nicht Kinder nach Kaiserschnitt und Kinder nach natürlicher Geburt objektiv miteinander, sondern die Kinder nach natürlicher Geburt stellen eine Auswahl von Kindern dar, die gesündere Voraussetzungen mitbringen. Somit lassen diese Studien nicht den Schluss zu, dass eine gesunde Schwangere, bei der es in der Vorgeschichte keine allergischen Erkrankungen gibt, die nicht übergewichtig ist, die keinen Schwangerschaftsdiabetes entwickelt hat, etc. für ihr Kind nach Kaiserschnitt hier erhöhte Risiken fürchten muss.Schließlich warnt die Studie noch vor vermehrten Fehl- und Totgeburten nach Kaiserschnitt. Kaiserschnitte sind fast die Regel bei älteren Frauen nach künstlicher Befruchtung. Deren Risiko, das Kind zu verlieren, ist enorm hoch. Wenn eine solche Gruppe mit in die Auswertung eingeht, lässt sich nicht ausschließen, ob dadurch das Ergebnis zuungunsten des Kaiserschnitts ausfiel. Auch hier gilt: Der Kaiserschnitt wird meist gemacht, weil etwas mit der Geburt nicht gut läuft, weil erhöhte Risiken bestehen. Diese können sich auch später in vermehrten Risiken für die weiteren Schwangerschaften niederschlagen. Auch hier darf man Ursache und Wirkung nicht verwechseln.Und schließlich die Gefahr des Reißens der Gebärmutter und der falschen Einnistung infolge der Narbe in diesem Muskelschlauch. Die sollte nicht vernachlässigt werden, weshalb vorsichtige Geburtshelfer nach einem Kaiserschnitt die Mode, es doch natürlich versuchen zu wollen, häufig nicht mitmachen wollen. Dann ist auch die Uterusruptur keine Gefahr. Man weiß, dass nach einem Kaiserschnitt sich die Plazenta, der Mutterkuchen, häufig am Ausgang der Geburtswege befindet, auch wächst die Plazenta fester an. Das kann man jedoch – und sollte es auch bewusst tun – bei Müttern nach einem ersten Kaiserschnitt mittels Ultraschall bei den nachfolgenden Schwangerschaften genau untersuchen. Ist man derart vorbereitet und weiß, mit was man zu rechnen hat, kann man dem bei dem nächsten Kaiserschnitt Rechnung tragen. Es wird künftig aber auch darauf ankommen, genau zu untersuchen, ob es vielleicht Operationsmethoden gibt, die das zu tiefe Einwachsen der Gebärmutter verhindern helfen. Oder womöglich könnten Nachbehandlungen der Narbe diese besser heilen lassen und diesen Nachteil verhindern. Dazu muss man aber intensiv die Möglichkeiten des Kaiserschnitts beforschen und nicht pauschal mittels schlechtem Gewissen bei den Müttern diesen partout verhindern wollen. Erst das unvoreingenommene Sammeln von Erfahrungen mit diesem Eingriff und der erklärte Wille, den Kaiserschnitt weiter zu verbessern, wird hier Abhilfe schaffen.

Quellen: 1. Keag OE, et al.: Long-term risks and benefits associated with cesarean delivery for mother, baby, and subsequent pregnancies: Systematic review and meta-Analysis. PLOS Medicine (online) 23. Januar 2018) http://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1002494

2. Geburtsmedizin: Ein guter Kaiserschnitt macht kein Kind krank (FAZ vom 8. September 2015) http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/geburtsmedizin-ein-guter-kaiserschnitt-macht-kein-kind-zum-kranken-13778813.html

Frühgeburt und Beckenendlage: Kaiserschnitt ist am sichersten

Frühgeburten sind weltweit die Todesursache Nummer 1 bei der Kindersterblichkeit. Extrem früh geborene Kinder machen zwar nur 5% der Frühgeburten aus, werden aber mit gesundheitlichen Hypotheken für ihr weiteres Leben geboren, die einen Großteil kindlicher Gesundheitsschäden ausmachen. Frühgeburten liegen häufig in Beckenendlage, unter denen zwischen der 22 und der 28 Woche sind dies ein Drittel aller Babys. Werdende Mütter sollten beraten werden, dass in diesen Fällen der Kaiserschnitt das geringste Risiko für das Kind bedeutet.Vielen denken, da die oft auch sehr kleinen Babys mit geringem Geburtsgewicht eine viel einfachere natürliche Geburt erbmöglichen. Weit gefehlt, wie jetzt eine neue Untersuchung aus Kanada zeigt – auch diese Kinder profitieren in punkto Sicherheit vom Kaiserschnitt.

Schon der so genannte “Term Breech Trial” hatte 2004 gezeigt, dass es für Beckenendlagenkinder sicherer ist, wenn sie per Kaiserschnitt in die Welt geholt werden. Diese Studie ist zwar angefeindet worden, sie sei methodisch nicht gut gemacht gewesen. Aber eine weitere Studie, die rund zehn Jahre später veröffentlicht worden ist, hat die Ergebnisse bestätigt. Hier im Blog vom 26. August 2015 kann man das unter dem Titel: Beckenendlage: “Die Wahl fällt nicht mehr schwer” nachlesen. Nun drehen sich Kinder immer noch in der späten Schwangerschaft und die von Körpergröße her kleinen und oft untergewichtigen Frühgeborenen liegen zu einem erheblichen Teil in Beckenendlage – in bis zu 35% der Fälle. Wenn sie mittels Kaiserschnitt entbunden werden, reduziert dies für den Fall, dass die Kinder wiederbelebt werden müssen ihre Sterblichkeit um 41%. Zusätzlich verhindert man damit das Risiko für Hirnblutungen um 49%. Für Einblutungen in die Gehirnsubstanz sind Frühgeborene besonders anfällig und daraus resultieren oft schwerste Behinderungen für das gesamte weitere Leben.

Die kanadischen Forscher haben hierfür 15 Studien mit 12335 Kindern zur Analyse ausgewählt. Sie haben all jene Fälle untersucht, in denen die Frühgeborenen so sehr beeinträchtigt waren, dass sie unmittelbar nach der Geburt wiederbelebt, reanimiert werden mussten. Und am meisten profitierten die ganz jungen Frühgeborenen. Das widerlegt die Vorstellung, dass die ganz kleinen und damit oft auch sehr schmächtigen Babys es bei der Geburt einfacher haben, da sie leichter durch den Geburtskanal kämen. Das ist aber wohl nur vermeintlich so und zeigt einmal mehr, dass die rein mechanischen Vorstellungen oft eben keine ausreichende Erklärung bieten.

Klar ist, dass Schwangere und ihre Partner/Innen dies wissen sollten. Denn wenn eine Frühgeburt droht, so haben Mutter und Kind schon genug Schwierigkeiten zu bewältigen. Man sollte alles anbieten, dass die Komplikationen für das Kind möglichst klein hält.

Quellen:

Grabovac K, et al.: BJOG (online) 3. Nov. 2017

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.14938/full

https://www.mein-wunsch-kaiserschnitt.de/2014/08/26/neuer-blog-artikel/

https://www.medscapemedizin.de/artikel/4902499

Vlemmix F, et al: Acta Obstet Gynecol Scand (online) 11. August 2014 https://dx.doi.org/10.1111/aogs.12449

Hannah ME, et al: Lancet 2000;356(9239):1375-1383 https://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(00)02840-3

Scheidenbakterien für Kaiserschnittkinder?

Viele Gegner des Kaiserschnitts gehen mit der Theorie hausieren, dass der frühe Kontakt mit den Bakterien der mütterlichen Scheide die Kinder gesünder mache. Also seien natürlich geborene Babies besser für die Welt gerüstet. Diese Vorstellung wird auch dann herangezogen, wenn es die vermeintlichen Nachteile des Kaiserschnitts für die Kinder zu begründen gilt: Denn Kaiserschnittkinder seien häufiger übergewichtig, asthmakrank, Autisten oder Diabetiker. Wer diesen Blog kennt, kann sich regelmäßig davon überzeugen, dass diese Form der Kritik am Kaiserschnitt – er macht das Kind krank – zwar sehr wirksam ist, um den Schwangeren Angst zu machen. Aber wissenschaftlich betrachtet, stehen derartige Aussagen auf sehr wackeligen wissenschaftlichen Füssen.Wie sich anhand von Geschwisterstudien und anderen Untersuchungen nachweisen lässt, ist der Kaiserschnitt keineswegs ursächlich für die zitierten Erkrankungen. Aber, oft wird den mütterlichen Scheidenkeimen hierbei eine Schutzwirkung zugesprochen. Daher meinen manche Experten, dann solle man in Gottes Namen die Kinder eben nach dem Kaiserschnitt mit dem Scheidensekret ihrer Mütter einreiben. Was ist davon zu halten?

“Vaginal seeding” oder vaginalen Mikrobiomtransfer nennen Wissenschaftler die Praxis, ein Kaiserschnittkind mit der Scheidenflora seiner Mutter in Kontakt zu bringen. Obwohl es zum theoretischen Nutzen noch keine Studien gibt, haben vor allem Kaiserschnittmütter an dem Konzept soviel Gefallen, dass sie regelrecht danach verlangen: Ihren Kindern soll schließlich das stählende Bakterienbad nicht vorenthalten werden. Wissenschaftler sind da skeptischer, sie meinen vor allem, dass der für die natürlich geborenen Kinder postulierte Nutzen überhaupt nicht belegt sei, also ließe sich getrost darauf verzichten.

Die Dänische Vereinigung der Geburtshelfer warnt jetzt regelrecht davor, diese Praxis zu propagieren bzw. Frauen nach Kaiserschnitt dabei zu unterstützen. Es könnte für manche Kinder sogar schädlich sein, denn es gibt durchaus Situationen, in denen man den Kaiserschnitt gerade deshalb macht, weil man das Kind vor den Keimen der Mutter schützen will: So könnte eine HIV- infizierte Mutter oder eine mit einer vaginalen Herpesinfektion die Viren auf das Kind übertragen. Daher sollten auch Kaiserschnittmütter keinesfalls selbst derartige Versuche machen, im Zweifel könnten sie dem Kind schaden. Die Vorteile eines solchen Vorgehens seien nicht bewiesen, darüber müsse man die Mütter aufklären.

Zudem gibt es viele andere Formen, mit denen die positive “Kolonisierung” des Babys mit mütterlichen Keimen und zum Wohl seiner Darmbakterien aber auch des übrigen Mikrobioms erzeugt werden kann. Dazu zählt zuallererst das Stillen und ein enger und häufiger Hautkontakt – was beides meist miteinerander einhergeht. Gut für die Darmflora des Ungeborenen ist auch das Vermeiden einer fettreichen Kost während der Schwangerschaft.

Derzeit, so heißt es auch in einem Kommentar zu den Warnungen der dänischen Fachgesellschaft, wisse man viel zu wenig darüber, was die Scheidenflora der Frau, mit der das Kind während der Geburt in Kontakt kommt, überhaupt bewirkt. Bisher sei der formulierte Nutzen eine reine Hypothese, die man weiter untersuchen könne. Das heißt aber auch, dass man Kaiserschnittmüttern tunlichst kein schlechtes Gewissen machen sollte, weil ihre Kinder nicht durch ihr Scheidensekret wandern, sondern aus dem Bauch kommen. Zu denken geben sollte die Tatsache, dass beispielsweise Kinder, die unter sehr schwierigen Bedingungen geboren werden und im Scheidenkanal feststecken, bevor sie mit Zange oder Saugglocke geholt werden, oft mehr Immundefizite aufweisen – z.B. öfter Asthma haben – als unkompliziert natürlich geborene Kinder. Das muss man sich immer klar machen, wenn vom Nutzen der Scheidenflora für das Neugeborene die Rede ist. Vermutlich, so lauten die Argumente der eher wissenschaftlich vorsichtigen Experten, vermutlich kommt es weniger darauf an, durch welche Scheidenflora das Kind zur Welt kommt, sondern ob es bei der Geburt Komplikationen gibt oder die Mutter, z.B. weil sie Asthma hat, es unter der Geburt schwerer hat und dann das Kind nicht die Veranlagung für eine Asthmaerkrankung erbt, ganz unabhängig vom Geburtsweg.

Quellen:

1. Haahr T, et al.: Vaginal seeding or vaginal microbial transfer from the mother to the caesarean-born neonate: a commentary regarding clinical management. BJOG 23. August 2017 https://doi.org/10.1111/1471-0528.14792

2. Eschenbach DA: Vaginal seeding: more questions than answers. BJOG 23. August 2017 https://obgyn.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/1471-0528.14815

Frauen und Kinder sollten vor einer “Normale-Geburt-ist-das-Beste”-Ideologie geschützt werden

Professor Hans Peter Dietz klagt an: Mehr denn je, so kritisiert der Spezialist für Beckenbodenschäden an der Universität in Sidney, sei die Geburtshilfe von Ideologie dominiert. Wie zuletzt das Morecambe Bay Desaster gezeigt habe, würde die natürliche Geburt über alles gestellt – koste es buchstäblich, was es wolle. Verblendet von der Vorstellung, Kaiserschnitte um jeden Preis – auch den des Lebens und der Gesundheit von Kindern und Müttern – verhindern zu wollen, hatten Hebammen jahrelang die Geburtshilfe einer großen englischen Klinik beherrscht. Der schonungslose Bericht darüber ist letztes Jahr veröffentlicht worden (siehe dazu hier den Blog vom 13. Juli 2016). Der nationale Gesundheitsdienst in England (National Health Service oder NHS) sah sich zum Handeln gezwungen und gab einen “Better Birth Report” heraus. Wird der die Dinge zum Besseren wenden? Vermutlich nicht, urteilt der Experte Dietz in einem Fachjournal für Geburtshilfe.

Obwohl gerade die strikte Vermeidung von Interventionen – damit ist das Eingreifen in den Geburtsverlauf gemeint, von der rückenmarksnahen, örtlichen Betäubung oder PDA, über den Dammschnitt bis zum Kaiserschnitt – erst zum Morecambe Desaster geführt hatte, fordert der neue Report abermals eine weitgehende Zurückhaltung in Sachen Interventionen. Aus Protest vor der erneuten Bestärkung des Mantras “nur eine natürliche Geburt ist eine gute Geburt” verließ der Vater eines der geschädigten Morecambe-Opfer die Kommission, die den Report erarbeiten sollte.

Dietz erklärt, dass das vorgebliche Verlangen der Frauen nach mehr Hausgeburten und mehr Betreuung durch Hebammen eine Folge der Tatsache sei, dass die Hebammen die Frauen die ganze Schwangerschaft über in diese Richtung beeinflussten. Der Berufstand ist für die Schwangeren eine der wichtigsten Informationsquellen. Sie bieten Geburtsvorbereitungskurse an, die fast jede Schwangere besucht. Dort hört sie in aller Regel, dass eine Geburt etwas ganz natürliches sei, dass man eigentlich keine Interventionen benötige, einen Arzt schon gar nicht und ein Kaiserschnitt ist sowieso nur ein letzter Rettungsanker für die Versagerinnen.

Niemand, so der Vorwurf von Dietz, spreche über ernsthafte und nicht so seltene Risiken wie Dammrisse bis hin zum Abriss von Schamlippen und Einriss des Enddarmschließmuskels. Dass der “Tragemuskel” des Beckenbodens, der Levator ani, bei einer Geburt aus seiner knöchernen Verankerung reißen kann und damit Inkontinenz und Vorfälle von Beckenorganen durch die Scheide nach außen begünstigen kann, ist nicht Thema im Geburtsvorbereitungskurs. Erläutert wird auch nicht, wie hoch das Risiko für Saugglocken- und Zangengeburten ist und wie der Geburtskanal durch solche Manipulationen Schaden nehmen kann. Was zu große und zu schwere Kinder unter der Geburt für eine Herausforderung sind, erzählt den Frauen niemand. Dies kommt inzwischen bei den immer älteren, häufiger übergewichtigen oder adipösen Erstgebärenden häufiger vor, als das viele Hebammen und Geburtshelfer zugeben möchten.

Dies alles würde den Frauen Angst machen, wehren die Schönfärber ab. Aber eine solche Haltung sei paternalistisch, urteilt Dietz. Und es ist auch nicht mehr zeitgemäß, geradezu verpönt: Jeder Mann wird minutiös über die vielen Risiken einer Prostataoperation aufgeklärt, jeder Frau genauso über alles, was ihr bei einer Brustkrebsoperation droht, jeder Patient muss wissen, was ihm alles bei den unterschiedlichsten Eingriffen widerfahren kann, aber vor einer Geburt gilt die Devise: Beruhigen bis an die Grenze des Verheimlichens.

Wenig eingreifen sei eine Losung, die man nicht mehr rechtfertigen könne, wenn der Preis dafür gesundheitliche Schäden seien, mahnt der Urogynäkologe Dietz. Das Kind kann gesundheitliche Schäden infolge einer verzögerten Geburt davontragen, auch ein – zu – später Notkaiserschnitt birgt um Größenordnungen mehr Risiken als ein Kaiserschnitt, zu dem man sich im Zweifel rechtzeitig und deutlich früher entschieden hat. Auch für die Mütter drohen Gefahren, seien es Beckenbodenverletzungen oder auch Uterusatonien, das sind schwere Blutungen der Gebärmutter, die immer dann zu fürchten sind, wenn die sich völlig erschöpft hat und nach einer Geburt nicht mehr zusammenziehen kann.

Nachdem in Großbritannien der oberste Gerichtshof eine Geburt nun als “Verfahren” definiert habe, über dessen Vor- und Nachteile man die Schwangere ebenso aufkären müsse wie bei einer Operation, könne man sich nicht damit herausreden, dass die natürliche Geburt eben das Gegebene sei. Die Zeiten, als man nur über die Risiken eines Kaiserschnittes aufklärte, aber so tat, als gäbe es keine Risiken der natürlichen Geburt, seien eben vorbei, so das Fazit des Spezialisten. Im Zuge von juristischen Konsequenzen, die es für Hebammen und Ärzte haben könne, wenn sie solche Aufklärungspflichten nicht ernst nähmen, so warnt Dietz, würde die Anti-Kaiserschnitt-Ideologie für Hebammen und Geburtshelfer ebenso gefährlich wie für die Mütter und deren Ungeborene.

Quellen:

1. Dietz HP: Women and babies need protection from the dangers of normal birth ideology. FOR: The recent maternity review risks making the situation even worse. Debate in: BJOG 2017; 124(9):1384 https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.14666/full

2. Dietz HP, Exton L: Natural childbirth ideology is endangering women and babies. Aust N Z J Obstet Gynaecol 2016;56(5):447-449
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27677435

Gute alte Zeit? Kaiserschnitt nur nach mindestens einem toten Baby

Wenn man die moderne Kritik an den “viel zu vielen Kaiserschnitten” betrachtet, dann kommt es einem so vor, als sei früher alles besser gewesen. Oft verweisen diejenigen, die sich wieder mehr natürliche Geburten und weniger Kaiserschnitte wünschen, darauf, dass früher die Kaiserschnittraten deutlich geringer waren. Der moderne “Boom” gilt als übertrieben, als Ausweis einer schlimmen Medikalisierung. Damit man die eigene Zeit richtig bewertet, ist es manchmal jedoch hilfreich, einen Blick in die Geschichte zu werfen. Was sich zeigt, macht nicht gerade Lust darauf, sich die die vorgeblich “guten” alten Zeiten zurückzuwünschen. Da findet sich zum Beispiel in Unterrichtsbüchern für Hebammen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts eine geradezu gruselige Lehrmeinung: Erst wenn ein Kind bei der Geburt starb, ist bewiesen, dass die Geburtswege wirklich zu eng sind, dass die Mutter tatsächlich die Geburt nicht schafft. Nur dann soll der Kaiserschnitt bei der zweiten Geburt erlaubt sein.

Mitte des letzten Jahrhunderts – so um 1950 – das ist noch nicht sehr lange her. Und doch galt damals ein Regimen, eine Vorgehensweise, die uns heute brutal vorkommt. Nicht die Möglichkeit, dass unter der Geburt eine Katastrophe passieren könnte, nicht eine drohende Gefahr für Mutter und Kind galt als ausreichend, um beide mit einem Kaiserschnitt zu retten. Nein, erst musste ein totes Baby zweifelsfrei belegen, dass diese Mutter nicht gebärfähig ist.

Die skandinavische Geburtshilfe gilt als vorbildlich, waren doch dort sehr früh Hebammen gut und seit längerem auch akademisch ausgebildet. Daher dürfen wir vermuten, dass es sich bei den Ergebnissen einer medizinhistorischen Studie eines schwedischen Teams von Forschern aus dem Karolinska Institut in Stockholm nicht um eine besonders archaische, mitleidlose oder rückständige Praxis handelt. Die Wissenschaftler haben Lehrbücher für Hebammen und angehende Frauenärzte untersucht, um herauszufinden, wie sich die Einstellungen zum Kaiserschnitt geändert haben.

Dabei zeigte sich, dass die Indikationen, die medizinischen Begründungen, einen Kaiserschnitt vorzunehmen, zugenommen haben – so wie auch die Zahl der Kaiserschnitte selbst. Aber das ist, wenn man liest, was damals den Frauen zugemutet wurde, eher eine positive Entwicklung, die man nicht genug begrüßen kann. Denn nicht nur galt die erste Geburt als “sample confinement”, als “Probegeburt” oder “Test”, um die Notwendigkeit eines Kaiserschnittes für die zweite Geburt zweifelsfrei zu bestätigen. In dem gleichen Buch aus dem Jahr 1955 heißt es überdies, Geburtshelfer und Hebammen sollten einen Kaiserschnitt nicht aus “falschem Mitleid” mit der Mutter beschließen. Auch durch die eigene Erschöpfung, durch die Gebärende selbst oder jene, die für die arme Frau bitten würden, solle man sich nicht dazu hinreißen lassen. Harte Zeiten für jene Frauen, denen ihre Veranlagung und ein gütige Schicksal nicht die Gnade einer leichten Geburt gewährten.

Jüngere Lehrbücher – also die aus den Jahrzehnten nach 1955 – enthielten dann keine Hinweise mehr auf die “Test – oder Probegeburten” und auch keine Beschreibungen mehr, wie man ein Kind zerstückelt oder den Kopf abschneidet, um das tote Ungeborene herauszuholen, heißt es in dem Artikel, der in einer Fachzeitschrift unlängst veröffentlicht wurde.

Wann immer also der Ruf nach weniger Medikalisierung in der Geburthilfe ertönt und die aktuellen Kaiserschnittraten wieder einmal dazu dienen, mahnend deren Eindämmung zu verlangen, sollte man sich solche Zeiten und Umstände vor Augen halten. Es waren eben keine rosigen Zeiten für die Frauen im Kreißsaal, es sei denn, man setzt sich eine rosarote Brille auf und schwärmt von einer Idylle, die es nie gab. Geburten sind mit Risiken verbunden. Wer sich mehr natürliche Geburten um jeden Preis wünscht, sollte das bedenken. Nur weil der Kaiserschnitt so viel sicherer wurde und die Einstellungen sich geändert haben, haben wir diese hohen Raten und können sie auch vertreten. Dass die heutige, gewandelte Einstellung ihr Gutes hat, sieht man an solchen Arbeiten. Sie zeigen, dass in früheren Zeiten vor allem die Mütter und die Kinder mit zum Teil massiven Gesundheitsschäden und ihrem Leben für eine Geburtshilfe bezahlten, die in Teilen offenbar sehr mitleidlos agieren konnte. Keine Spur von der guten alten Zeit.

Quellen:

Sahlin M, et al.:Mode of delivery among Swedish midwives and obstetricians and their attitudes towards caesarean section. Sexual & Reproductive Healthcare. 2017;11:112–116. http://www.srhcjournal.org/article/S1877-5756(16)30004-0/fulltext