Scheidenbakterien für Kaiserschnittkinder?

Viele Gegner des Kaiserschnitts gehen mit der Theorie hausieren, dass der frühe Kontakt mit den Bakterien der mütterlichen Scheide die Kinder gesünder mache. Also seien natürlich geborene Babies besser für die Welt gerüstet. Diese Vorstellung wird auch dann herangezogen, wenn es die vermeintlichen Nachteile des Kaiserschnitts für die Kinder zu begründen gilt: Denn Kaiserschnittkinder seien häufiger übergewichtig, asthmakrank, Autisten oder Diabetiker. Wer diesen Blog kennt, kann sich regelmäßig davon überzeugen, dass diese Form der Kritik am Kaiserschnitt – er macht das Kind krank – zwar sehr wirksam ist, um den Schwangeren Angst zu machen. Aber wissenschaftlich betrachtet, stehen derartige Aussagen auf sehr wackeligen wissenschaftlichen Füssen.Wie sich anhand von Geschwisterstudien und anderen Untersuchungen nachweisen lässt, ist der Kaiserschnitt keineswegs ursächlich für die zitierten Erkrankungen. Aber, oft wird den mütterlichen Scheidenkeimen hierbei eine Schutzwirkung zugesprochen. Daher meinen manche Experten, dann solle man in Gottes Namen die Kinder eben nach dem Kaiserschnitt mit dem Scheidensekret ihrer Mütter einreiben. Was ist davon zu halten?

“Vaginal seeding” oder vaginalen Mikrobiomtransfer nennen Wissenschaftler die Praxis, ein Kaiserschnittkind mit der Scheidenflora seiner Mutter in Kontakt zu bringen. Obwohl es zum theoretischen Nutzen noch keine Studien gibt, haben vor allem Kaiserschnittmütter an dem Konzept soviel Gefallen, dass sie regelrecht danach verlangen: Ihren Kindern soll schließlich das stählende Bakterienbad nicht vorenthalten werden. Wissenschaftler sind da skeptischer, sie meinen vor allem, dass der für die natürlich geborenen Kinder postulierte Nutzen überhaupt nicht belegt sei, also ließe sich getrost darauf verzichten.

Die Dänische Vereinigung der Geburtshelfer warnt jetzt regelrecht davor, diese Praxis zu propagieren bzw. Frauen nach Kaiserschnitt dabei zu unterstützen. Es könnte für manche Kinder sogar schädlich sein, denn es gibt durchaus Situationen, in denen man den Kaiserschnitt gerade deshalb macht, weil man das Kind vor den Keimen der Mutter schützen will: So könnte eine HIV- infizierte Mutter oder eine mit einer vaginalen Herpesinfektion die Viren auf das Kind übertragen. Daher sollten auch Kaiserschnittmütter keinesfalls selbst derartige Versuche machen, im Zweifel könnten sie dem Kind schaden. Die Vorteile eines solchen Vorgehens seien nicht bewiesen, darüber müsse man die Mütter aufklären.

Zudem gibt es viele andere Formen, mit denen die positive “Kolonisierung” des Babys mit mütterlichen Keimen und zum Wohl seiner Darmbakterien aber auch des übrigen Mikrobioms erzeugt werden kann. Dazu zählt zuallererst das Stillen und ein enger und häufiger Hautkontakt – was beides meist miteinerander einhergeht. Gut für die Darmflora des Ungeborenen ist auch das Vermeiden einer fettreichen Kost während der Schwangerschaft.

Derzeit, so heißt es auch in einem Kommentar zu den Warnungen der dänischen Fachgesellschaft, wisse man viel zu wenig darüber, was die Scheidenflora der Frau, mit der das Kind während der Geburt in Kontakt kommt, überhaupt bewirkt. Bisher sei der formulierte Nutzen eine reine Hypothese, die man weiter untersuchen könne. Das heißt aber auch, dass man Kaiserschnittmüttern tunlichst kein schlechtes Gewissen machen sollte, weil ihre Kinder nicht durch ihr Scheidensekret wandern, sondern aus dem Bauch kommen. Zu denken geben sollte die Tatsache, dass beispielsweise Kinder, die unter sehr schwierigen Bedingungen geboren werden und im Scheidenkanal feststecken, bevor sie mit Zange oder Saugglocke geholt werden, oft mehr Immundefizite aufweisen – z.B. öfter Asthma haben – als unkompliziert natürlich geborene Kinder. Das muss man sich immer klar machen, wenn vom Nutzen der Scheidenflora für das Neugeborene die Rede ist. Vermutlich, so lauten die Argumente der eher wissenschaftlich vorsichtigen Experten, vermutlich kommt es weniger darauf an, durch welche Scheidenflora das Kind zur Welt kommt, sondern ob es bei der Geburt Komplikationen gibt oder die Mutter, z.B. weil sie Asthma hat, es unter der Geburt schwerer hat und dann das Kind nicht die Veranlagung für eine Asthmaerkrankung erbt, ganz unabhängig vom Geburtsweg.

Quellen:

1. Haahr T, et al.: Vaginal seeding or vaginal microbial transfer from the mother to the caesarean-born neonate: a commentary regarding clinical management. BJOG 23. August 2017 https://doi.org/10.1111/1471-0528.14792

2. Eschenbach DA: Vaginal seeding: more questions than answers. BJOG 23. August 2017 https://obgyn.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/1471-0528.14815