Saugglockengeburt: Schlimmer, als bisher angenommen

Wird ein Baby mit der Saugglocke geholt, ist der Sog, der an seinem Schädel zieht, deutlich stärker, als man bisher glaubte. Das haben die Druckmessungen ergeben, die Dr. Gunilla Ajne und ihre Kollegen von der Karolinska Universitätsfrauenklinik in Stockholm während Saugglockengeburten erhoben haben.Dazu haben sie mit einer speziellen Vorrichtung an einer Metall-Saugglocke die Drucke gemessen, die entstehen, wenn das Kind aus der Mutter hausgezogen wird. Von den 438 Vakuumgeburten, die von August 2012 bis zum Oktober 2013 in diesem Krankenhaus stattfanden, wurden 200 ausgewertet (es konnten nicht alle einbezogen werden, weil bei den anderen Geburten die Geburtshelfer die Plastiksaugglocke bevorzugten.

Es zeigte sich, dass Kräfte von durchschnittlich 176 Newton(milder Zug), über 225 Newton (mittlere Saugkraft) bis zum 241 Newton (exzessive Saugwirkung) zur Anwendung kamen. Beim Versuch, diese mit einer Gesundheitsgefährdung des Kindes in Beziehung zu setzen, zeigte sich, dass ein Sauerstoffmangel am ehesten auftritt, wenn auch exzessive Zugkräfte wirken. Allerdings kommen diese schließlich bei besonders problematischen Verläufen zur Anwendung – so dass nicht klar ist, wo die Ursache liegt.

In der Regel wird eine Saugglockengeburt erwogen oder nötig, wenn die Geburt nicht vorwärts geht, die Mutter erschöpft ist und die Wehen es nicht schaffen, das Kind herauszupressen. Diese Form der vaginal-operativen Geburt kommt auch zum Einsatz, wenn ein Sauerstoffmangel beim Kind erkennbar ist. Sie gilt als einfacher anzuwenden und schädigt den Beckenboden der Mutter nicht so sehr wie die Zange. Denn die Saugglocke setzt am Kopf des Kindes an, die beiden Zangengreifer müssen noch in die Scheide hineingeschoben werden, brauchen also noch mehr Platz.

Allerdings ist auch die Saugglocke nicht ohne: Öfter als bei einer normalen vaginalen Entbindung ist das für das Neugeborenen mit einer Asphyxie, Blutungen im Gehirn und Anfällen verbunden. Ob dies der Saugglocke geschuldet ist oder dem dramatischen, ungünstigen Geburtsverlauf, ist nicht wirklich eindeutig entschieden. Allerdings zeigt das vor allem: Ein solcher Geburtsverlauf ist in jedem Fall dramatisch, denn entweder schädigen die langen frustranen Wehen das Kind, der Sauerstoffmangel entsteht, weil die Situation immer verfahrener wird, oder die Glocke selbst ist es, aber in jedem Fall ist eine Verschlechterung gegenüber einem günstigen vaginalen Verlauf festzustellen.

Manche Kliniker sprechen daher von einer verpassten Chance, rechtzeitig für einen Kaiserschnitt entschieden zu haben. Denn: Wenn die Geburt einmal so weit ist, dass der Kopf im Vaginalkanal steckt, dann würde ein Kaiserschnitt bewirken, dass der kindliche Kopf wie in einem Windkanal von beiden Seiten einem starken Sog ausgesetzt ist. Daher geht ab einem bestimmten Punkt nur noch eine vaginal-operative Entbindung, ob mit Zange oder Saugglocke. Oft erhoffen sich Geburtshelfer dann vom so genannten Kristeller-Handgriff die Rettung: Der ist nicht nur sehr schmerzhaft, sondern auch wenig standardisiert und für das Kind nicht ungefährlich. Hebamme oder Arzt drücken ganz fest von oben auf den Bauch, um das Kind mechanisch durch den Geburtskanal zu schieben. Das sind – man kann es nicht anders sagen – entsetzliche Geburten, über die beim Aufklärungsgespräch vor der Geburt alle schweigen. Wenn aber während der Geburt alles schief läuft, dann ist die Panik groß und die Frau wird letztlich völlig entmündigt, es heißt einfach, das muss jetzt sein. Eine anonyme Umfrage unter Geburtshelfern brachte zutage, dass Verletzungen und Gesundheitsschäden von Mutter und Kind während einer Vakuumentbindung fast immer auf Fehleinschätzungen der Geburtshelfer zurückzuführen sind.

Dass die Saugglocke schlimmer ist, als bisher gedacht, wissen auch viele Geburtshelfer nicht. Die Studie aus Schweden hat nämlich die Experten zusätzlich selbst einschätzen lassen, wie hoch die Drucke sind, die so herrschen, wenn sie mit Hilfe der Saugglocke ziehen. Sie haben sich gründlich verschätzt und glaubten, nur die Hälfte der tatsächlich angewendeten Saugkräfte würden wirksam.

Davon sind nicht wenige Schwangere bedroht: In der vorliegenden Studie kamen in diesem Krankenhaus bei 9 Prozent der Gebärenden entweder die Saugglocke oder die Zange zur Anwendung. Laut Bayerischer Perinatalerhebung sind es in Deutschland ungefähr 7 Prozent. Bisher wird die Saugglocke oft als “sanftes” Nachhelfen dargestellt, wenn es nicht “so recht” vorwärts ginge. Das ist eine Beschönigung, die jeder Aufklärung Hohn spricht. Man müsste den Frauen vollständig klar machen, was solch ein protrahierter Geburtsverlauf bedeutet und auf was sie sich dann einlassen. Vor allem müsste man ehrlich sagen, dass niemand sicher ausschließen kann, dass einer Frau und ihrem Kind so etwas droht.

Quellen:

Pettersson K, et al: BJOG (online) 5. Januar 2015 http://dx.doi.org/10.1111/1417-0528.13222

Bayerische Perinatalerhebung / aktuelle Daten für zuletzt 2013 unter www.baq-bayern.de und http://www.baq-bayern.de/index.php4?name=home Stichwort: „Geburtshilfe”

Ernst C: Die Hebamme 2012; 25(1): 41-46 https://www.thieme-connect.de/DOI/DOI?10.1055/s-0031-1286165

Dupuis O, et al: American Journal of Obstetrics and Gynecology 2004; 192:868-874 http://www.ajog.org/article/S0002-9378%2804%2901048-8/abstract

Downe, S, et al: The Cochrane Collaboration 2013;7:CD010088 http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD010088.pub2/abstract;jsessionid=7A82E6144931EDC05F403213E0E5B948.f02t03