Von wegen sanft: Wassergeburt im Becken schadet dem Beckenboden

Das Internet ist voll von Seiten, die die Vorteile einer Wassergeburt anpreisen. Auf der ARDO Homepage* liest sich das etwa in einem Beitrag vom 2015-02-24 10:43 so:
“Wassergeburt Die sanfte Entbindungsform im Wasser”
Kliniken werben damit, wenn sie Wassergeburten anbieten und wollen diese Vorteile auch belegen. So zeige zum Beispiel eine Studie der Klinik in Bensberg, dass es unter Wasser weniger Dammrisse gebe. Wörtlich steht da auf bei ARDO: “Ein weiterer Vorteil der Wassergeburt ist, dass ein potentieller Dammriss meist nur oberflächlich und klein ist und oft nicht einmal genäht werden muss, da die Muskulatur entspannter und das Gewebe elastischer und weicher ist. Spätestens am 5. Tag ist er wieder verheilt.”

Ist das so? Mitnichten. Eine Studie aus Liverpool, 2016 veröffentlicht im Rahmen eines internationalen Urogynäkologiekongresses, lässt sogar vermuten, dass das Gegenteil der Fall ist: Bei Wassergeburten steigt offenbar das Risiko für schwerwiegende Verletzungen am Schließmuskel des Darms.

Insgesamt 15.734 Schwangere mit niedrigem Risiko für Geburtskomplikationen in die Studie eingeschlossen, die von 2008 bis 2014 an der Frauenklinik in Liverpool (Liverpool Women’s Hospital) vaginal entbunden haben. Es handelte sich um eine von Hebammen geführte Geburtsabteilung. 1.244 haben ihr Kind im Wasserbecken zur Welt gebracht, 14.490 “an Land”, wie es im Englischen Original heißt. Die Rate von Verletzungen am Schließmuskel des Enddarms (obstetric anal Sphinkter injury oder OASI) betrug 3,29 Prozent bei den Wassergeburt. In 1,60 Prozent kam es zu Einrissen am Anus bei jenen Frauen, die nicht im Wasser entbunden haben. Damit verdoppelt die Wassergeburt das Risiko, dass der Kontinenz-erhaltende Darmschließmuskel Schaden nimmt. Das Ergebnis gilt nach den Regeln der Statistik als signifikant, man darf davon ausgehen, dass es sich nicht durch Zufall erklären lässt.

Vor allem Erstgebärende sollten sich gut überlegen, ob sie sich zu einer Wassergeburt überreden lassen, denn bei ihnen lag das OASI-Risiko noch höher, bei 5,03 Prozent. Jede Frau müsse über diese Beobachtungen aufgeklärt werden, fordern die Experten der Studie. Sie vermuten als Erklärung für ihre Beobachtungen, dass es im Wasser schwieriger ist, die Geburt zu dirigieren und den Damm zu schützen.

OASI gilt als eine besonders gravierende Komplikation einer natürlichen Geburt. Solche Schäden nehmen immer mehr zu, vermutlich auch deshalb, weil inzwischen immer genauer hingeschaut wird und auch bildgebende Verfahren wie Ultraschall eingesetzt werden, um Verletzungen zu erkennen, die mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind. So konnte mit Endoanalem Ultraschall (mit Einführen des Schallkopfes in den Analkanal) bei Erstgebärenden eine Rate von 26,9 Prozent zuvor unerkannten Verletzungen festgestellt werden, von denen ein Drittel deutliche Beschwerden verursachte.

Hinzu kommt, dass immer öfter größere und schwerere Kinder geboren werden (die Schwangeren haben immer öfter Übergewicht und Stoffwechselstörungen wie Diabetes, das lässt die Kinder im Mutterleib stärker wachsen). Erstgebärende sind heute auch älter als früher, das Gewebe ist dann nicht mehr so elastisch. Es gibt vielfältige andere Gründe dafür, dass man heute öfter als früher solche Verletzungen am Darm nach natürlichen Geburten beobachtet. Sie sind oft nur mit eingeschränktem Erfolg zu behandeln, die Frauen verlieren unkontrolliert Winde, manchmal auch flüssigen und festen Stuhl. Sie sind sozial massiv beeinträchtigt. Wichtig zu wissen: Wer einmal einen Riss dieser Art erlitten hat, dessen Risiko bei einer weiteren Geburt noch mehr Schaden zu erleiden, ist sehr hoch.

Quellen:

1. ARDO Blog für Frau, Mutter und Kind zur Wassergeburt: http://www.ardomedical.de/blog/vor-und-nachteile-der-wassergeburt.html

2. Preston H, et al: Does pool birth increase the risk of obstetric anal sphincter injury? British Journal of Obstetrics and Gynaecology. Abstractband zum Kongress Urogynaecology Abtract Nr. FC10.009 http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.14090/full
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.14090/abstract

3. Oberwalter M, et al: Metanalysis to determine the incidence of obstetric anal sphincter damage. British Journal of Surgery. 2003;90:1333-1337

* Es handelt sich um einen Blog auf der Homepage eines Schweizer Unternehmens, das medizinische Produkte vertreibt: Ardo medical GmbH 82234 Oberpfaffenhofen / Deutschland

Damit sie wissen, was sie tun: Ärzte sollen Frauen vor den wahren Risiken einer natürlichen Geburt warnen

In dem Blog http://cesareandebate.blogspot.de/ meiner Kollegin Pauline Hull in England habe ich erstmals diesen Satz gelesen: “Birth is natural – such is earthquake” (Eine Geburt ist etwas Natürliches – ein Erdbeben auch). Es gibt eine deutsche Entsprechung: “Zu keiner Zeit ist das menschliche Leben aber so vielen Gefahren ausgesetzt, als zu der Zeit, wo ein neues Geschöpf sein Daseyn erhalten soll”. Es stammt von dem Hebammenlehrer Karl Friedrich Senff aus Halle von 1812. Wir haben uns einfach daran gewöhnt, die natürliche Geburt als das Gegebene anzusehen und ihre Risiken auszublenden. Niemand benötigt eine Rechtfertigung dafür, sie zu empfehlen, sie ist immer unhinterfragt die erste Wahl. Dass man über die Risiken des Gebärens nicht ebenso umfassend aufklären muss wie über die einer Operation oder eines anderen medizinischen Eingriffs, spielte lange Zeit den Gegnern des Kaiserschnitts in die Hände. Damit soll jetzt Schluss sein, zumindest in England, heißt es in einem Artikel der Journalistin Clare Wilson in der Zeitschrift “New Scientist”: Künftig sollen Frauen über die Gefahren einer natürlichen Geburt umfassend belehrt werden müssen.

Erstmals in der Geschichte der englischen Geburtshilfe könnten künftig Ärzte sogar offiziell dazu verpflichtet werden, schwangeren Frauen die Risiken einer natürlichen Geburt ausführlich und umfassend vor Augen zu führen. Zwei dramatische Ereignisse haben die Geburtshelfer auf der Insel nämlich nachdenklich gemacht und an dem Primat der natürlichen Geburt um jeden Preis zweifeln lassen.

Zum einen ist es das wegweisende Urteil des Supreme Court vom letzten Jahre: Nach 16 Jahren des Prozessierens wurde einer Diabetikerin die Schadenssumme von mehr als 15 Millionen Pfund zugebilligt. Diese Frau war wissentlich nicht darüber aufgeklärt worden, dass ihr Kind bei einer natürlichen Geburt eher Schaden nehmen könnte als bei einem Kaiserschnitt. Der vorsitzende Richter bewertete dies als “medizinischen Paternalismus”. Der Fall schlug nicht nur in der britischen Presse Wellen (s. in diesem Blog den Beitrag vom 13. September 2015).

Zum anderen haben die leidvollen Erfahrungen zahlreicher Eltern im Morecambe-Desaster dazu geführt, die Anti-Kaiserschnitt-Ideologie zahlreicher Protagonisten in neuem Licht zu sehen: Wegen der ignoranten Ideologie von mehreren Hebammen wurden in der Morecambe-Klinik im Norden Englands zahlreiche Kinder mit schwerwiegenden und dauerhaften Schäden geboren oder verstarben sogar, weil trotz hoher Risiken eine natürliche Geburt erzwungen wurde und die Wünsche der Eltern ignoriert wurden.

Wilson mahnt in ihrem jüngsten Artikel zu Recht, dass sich die Verhältnisse beim Gebären massiv verändert haben: Viele Mütter sind heutzutage 30 Jahre oder älter, damit steigen die Risiken, nicht zuletzt für den Beckenboden, erheblich. Sie verweist auf jüngste Publikationen aus Australien, wonach sich das Risiko für einen Abriss von Teilen des Beckenbodenmuskels mit jedem Jahr mehr um sechs Prozent erhöht. Es gibt Aufklärungsbögen für Kaiserschnitt, mitunter werden Risiken erwähnt, die bei 1:1000 liegen, aber für die natürliche Geburt gibt es keine solchen Bögen. Dabei beträgt das Risiko, dass der Schließmuskel des Enddarms reißt, 15 Prozent, wenn man beim ersten Kind 38 Jahre alt ist. Daher beraten die britischen Frauenärzte nun, ob man die Warnungen vor den Gefahren einer natürlichen Geburt zur Pflicht machen soll.

Ein höchst sensibles Thema, sagt ein Gynäkologe. Das ist es zweifelsohne, aber es ist auch dringend notwendig, endlich offen darüber zu debattieren, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Manchen geht der jüngste Vorstoß sogar noch nicht weit genug: Es gibt den Vorschlag, die Schwangeren ein Papier abzeichnen zu lassen, dass sie hinreichend über die Risiken aufgeklärt wurden, ebenso, wie dies beim Kaiserschnitt Pflicht ist. Der Artikel zitiert die klare Ansage von Bryan Beattie, einen Gynäkologen im Nationalen Gesundheitsdienst NIH. Eine Frau könnte der Meinung sein, sie ertrage eine Wundinfektion nach einem Kaiserschnitt (die schließlich vorübergeht), aber nicht eine Stuhlinkontinenz für ihr weiteres Leben, so der Frauenarzt: “Obwohl man die Wahl haben sollte, das zu entscheiden, ist dies nicht möglich, wenn man darüber nicht informiert wurde”. Die Briten wären die ersten, die die natürliche Geburt damit einem medizinischen Eingriff gleichsetzen würden, zu dem eine Frau einwilligen muss, wenn sie über alle Eventualitäten aufgeklärt wurde. Das – und dies ist nicht das unwichtigste Ergebnis dieser Initiative – billigt dem Kaiserschnitt damit zu, eine echte Alternative zu sein.

Quellen:

Wilson C: IK Doctors may officially warn women of vaginal birht risks. New Scientist 2016; 3081 (veröffentlicht am 9. Juli 2016) https://www.newscientist.com/article/mg23130813-000-uk-doctors-may-starting-warning-women-of-childbirth-risks

Edozien LC: UK law on consent finally embraces the prudent patient Standard; BMJ 2015;350:h2877 https://www.bmj.com/content/350/bmj.h2877

Glaser E: The cult of natural childbirth has gone too far . The Guardian vom 5. März 2015 https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/mar/05/natural-childbirth-report-midwife-musketeers-morcambe-bay

Studie deckt häufige Episiotomie-Fehler auf: Der Dammschnitt wird meistens falsch gemacht

Nur eine Minderzahl von Hebammen und Ärzten ist in der Lage, den Dammschnitt (Episiotomie) im richtigen Winkel vorzunehmen. Diesen Schluss muss man leider ziehen, liest man die jetzt in einem Fachjournal für Uro-Gynäkologie (International Urogynecology Journal) veröffentlichten Ergebnisse einer britischen Studie: Lediglich 15 % der Studienteilnehmer schafften es, den Schnitt durch den Beckenboden an einem Modell innerhalb des vorgegebenen Winkels von 58 bis 62 Grad links oder rechts von der Mittellinie zu führen. Das ist der Bereich, der für einen Dammschnitt als am sichersten gilt. Das sind bemerkenswert viele Versager bei einer Prozedur, die zu den häufigsten chirurgischen Maßnahmen in der Geburtshilfe zählt.
Ein Wissenschaftlerteam der Croyden Universitätsklinik in London hatte die Fähigkeiten von insgesamt 106 Hebammen und Ärzten überprüft. Sie wurden gebeten, an einem Geburtsmodell jeweils von der Mittellinie ausgehend einen Schnitt im Winkel von 60 Grad auszuführen. Ob sie die linke oder rechte Seite wählten, blieb ihre eigene Entscheidung. Das Ergebnis ist nicht nur enttäuschend, es muss auch jene Schwangere erschüttern, die mit der Hoffnung ins Krankenhaus gehen, dass die Geburtshelfer eine so gängige Prozedur besser beherrschen. Denn das Unvermögen hat gravierende Folgen: Ein falscher Winkel ist ein Risikofaktor dafür, dass der Dammschnitt weiter zum Schließmuskel des Afters durch reißt und damit schwere Inkontinenz verursacht, das gilt für Harn- und Stuhlinkontinenz.

In der Studie verschätzten sich rund zwei Drittel der Teilnehmer sogar deutlich nach oben oder unten: Bei 44 % lag der Winkel unter 55 Grad, bei 18 % betrug er mehr als 66 Grad. Fasst man die Grenzen weiter (55 bis 65 Grad), so schafften es auch nur gerade 36 Prozent der Teilnehmer. Insgesamt traf damit nur jeder sechste unter den Getesteten den angestrebten, sicheren Bereich (15 % lagen zwischen 58 und 62 Grad).

Das Ärzte- und Forscherteam aus London schreibt, dass ein Dammschnitt mit erheblich mehr Blutverlust, signifikant größerer Schwächung der Beckenbodenmuskulatur, stärkeren Schmerzen beim Sexualverkehr (Dyspareunie) und auch deutlich mehr Beckenbodenschmerzen einhergeht, als wenn Frauen “nur” eingerissen sind und keinen Dammschnitt erhielten.

Der Dammschnitt zeigt, wie vieles von dem, was Schwangeren vor der Geburt als Selbstverständlichkeit erläutert wir, eigentlich ziemlich unklar ist und man so gar nicht wirklich weiß, was besser ist. Es heißt zwar, bei Problemen mache man einen Dammschnitt, dass aber die Ausführung so wenig standardisiert ist und auch zum Teil gar nicht klar ist, welcher Winkel der beste/sicherste ist, wird gar nicht erst erwähnt. Die Autoren schreiben, dass der Winkel nur visuell unter der Geburt abgeschätzt wird, wenn der Kindskopf heraustritt aus dem Geburtskanal. Man hatte schon länger festgestellt, dass ein ziemlicher Wildwuchs herrscht und es kaum “einheitliche” und konsistente Ergebnisse beim Schneiden gibt. Dass komme entweder daher, dass man die Forderung nach Einhaltung “sicherer” Winkel ignoriere oder es einfach nicht könne – man weiß nicht, was schlimmer ist, wenn es danach zu Inkontinenz kommt. Nicht umsonst weisen die Autoren auf die gravierenden Konsequenzen für die Frauen nach solch einer vaginalen Geburt hin: Die Behandlung einer Anal-/Stuhlinkontinenz infolge eines Geburtstraumas ist langfristig nur selten erfolgreich. Das gilt für konservative Maßnahmen (z.B. Beckenbodentraining) wie für chirurgische Eingriffe.

Es müsse vielmehr gelehrt und trainiert werden, wie man die anvisierten Winkel bei der Episiotomie treffe, um das Risiko für Komplikationen und tiefere Einrisse so gering wie möglich zu halten, so das Fazit der Studie. Außerdem müssten dringend weitere Studien her, die klären helfen, wie tief und wie weit geschnitten werden dürfe. Vor allem aber sollten Frauen vor einer Geburt darüber aufgeklärt werden, dass in Sachen Dammschnitt längst nicht alles so klar ist, wie man sich das wünscht. Diese Unsicherheit einzugehen, sollte dann die freie Entscheidung der Schwangeren sein – womöglich wählt sie dann den Kaiserschnitt. Verschweigt man ihr all dies, ist sie letztlich nicht ausreichend informiert, ihre Einwilligung zur vaginalen Geburt beruht auf unvollständiger Information und ist damit kein “informed consent”, keine “informierte Entscheidung”, wie sie als Voraussetzung für jede Maßnahme in der Medizin eigentlich gefordert wird.

Quellen:

Naidu M, et al: International Urogynecology Journal 2015;26(6):813-816  https://link.springer.com/article/10.1007/s00192-015-2625-9

Beckenendlage: Die Wahl fällt nicht mehr schwer

Schwangere, deren Kind in Beckenendlage liegt, möchte ich auf eine neue Studie aus den Niederlanden hinweisen. Sie zeigt, dass der Kaiserschnitt der sicherste Weg für ihr Kind ist. Prof. Dr. Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtshilfe an der Charité in Berlin, kommentiert die neuen Erkenntnisse im Ärzte-Online-Portal medscape.de so: “Diese Studie wird Wellen schlagen.”
Warum? Von 30.503 Babys in Beckenendlage, die mittels Sectio auf die Welt geholt wurden, starb kein einziges. In der Vergleichsgruppe von 27.817 Kindern, die auf natürlichem Wege zur Welt kamen oder bei denen zunächst der Versuch unternommen wurde, sie natürlich zu gebären, dies aber nicht glückte, starben 46. Die Details der Studie kann jeder in den angegebenen Quellen nachlesen.

Auf zwei Dinge möchte ich im Zusammenhang mit diesem Ergebnis aufmerksam machen. Erstens zeigt sich – wieder einmal -, dass Holland zwar stets als Vorbild genannt wird, weil dort noch so viele Hausgeburten zumindest versucht werden. Aber wie man sieht, geht das nicht immer gut aus. In Deutschland geht man defensiver, vorsichtiger vor – und das ist eben nicht immer die schlechteste Wahl. In 80 % wird hierzulande bei Beckenendlage gleich ein Kaiserschnitt geplant. In den Niederlanden kommen am Ende auch 80% aller Kinder in Beckenendlage mit Kaiserschnitt zur Welt, nur: Dort wurde in der Hälfte dieser Fälle zunächst eine natürliche Geburt versucht, konnte aber nicht zu Ende geführt werden. Man kann sich denken, dass das keine schönen Erlebnisse für die Gebärenden sind, denn es sind schließlich immer die Komplikationen im Geburtsverlauf, die dazu zwingen, das ursprünglich geplante Vorgehen zu ändern.

Zweitens gibt diese Studie dem so genannten Term Breech Trial recht. Das ist eine ältere Studie zur Frage, wie sicher welche Geburtsform bei Beckenendlage ist. Die Ergebnisse haben ebenso wie jetzt die neue Studie Aufsehen erregt, weil sich bereits hier der Kaiserschnitt als die sicherste Variante erwies. Nur: Die Befürworter der natürlichen Geburt wollten das partout nicht hinnehmen und fanden auch viele methodische Mängel. Daher wurde die Studie mächtig kritisiert. Wie sich zeigt, war die Methodik schlecht, das Ergebnis aber dennoch nicht falsch. Dennoch gelang es den Kaiserschnittgegnern die Sache so hinzustellen, als wäre bei Beckenendlage die natürliche Geburt immer noch angesagt.

Und schließlich eine letzte Bemerkung: Gerade, wenn über Beckenendlagen-Entbindungen diskutiert wird, kommt das Argument, dass erfahrene Geburtshelfer das halt können, unerfahrene sich nicht trauen und deshalb den Kaiserschnitt machen. Da möchte man aber doch jetzt dagegen halten: In Holland dürfte es doch eine Menge erfahrener Geburtshelfer geben, denn dort werden ja sehr wenig Kaiserschnitte gemacht; wenn sich also auch im Land der erfahrenen Geburtshelfer so viele Todesfälle ereignen (die nur die Spitze des Eisbergs sind, es gibt vermutlich noch viel mehr Gesundheitsschäden), dann liegt es vielleicht doch daran, dass die Risiken der natürlichen Geburt in diesem Fall einfach zu hoch sind.

Quellen:

http://www.medscapemedizin.de/artikel/4902499

Vlemmix F, et al: Acta Obstet Gynecol Scand (online) 11. August 2014
http://dx.doi.org/10.1111/aogs.12449

Hannah ME, et al: Lancet 2000;356(9239):1375-1383
http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(00)02840-3

http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/entbindung-verkehrt-herum-ins-leben-1939803-p2.html

Der Wunschkaiserschnitt ist sicherer für das Baby

Eine vor kurzem von Frauenärzten aus China im American Journal of Obstetrics & Gynecology veröffentlichte Studie gibt erstaunlich eindeutig Auskunft über den Vergleich zwischen Wunschkaiserschnitt und natürlicher Geburt: Der geplante Eingriff ist für das Kind einfach sicherer.

Im einzelnen sehen die Vorteile für die neugeborenen Kinder so aus: Sie müssen signifikant weniger Geburtsverletzungen befürchten, deutlich weniger neonatale Infektionen am Anfang der Neugeborenenphase, ebenfalls statistisch signifikant weniger Gehirnschäden aufgrund von Sauerstoffmangel unter der Geburt (ischämische Asphyxie) und schließlich kommt das Einatmen von Kindspech oder kindlichem Stuhl mit all den Gefahren für die Lunge und die Gesundheit des Babys (Mekonium-Aspirations-Syndrom)auch deutlich seltener vor.
Zwar gibt es bei den Kaiserschnittgeburten häufiger Atemprobleme bei den Kindern, aber nur dann, wenn sie zu früh geholt werden (was leider ein Teil der Eltern wünschen, um einen bevorzugten “Geburtstag” festlegen zu können). Für diejenigen unter den Kaiserschnittkindern, die in der 39. und 40. Schwangerschaftswoche geboren wurden, glichen sich diese Unterschiede wieder aus. Das bestätigen auch Studien aus Europa.

Die Studienautoren betonen, dass Kaiserschnittrisiken dann steigen – und das belegt die Studie eindrucksvoll – wenn der Kaiserschnitt als Rettungsmaßnahme während einer vaginalen Geburt vorgenommen wird, weil diese doch nicht so unproblematisch läuft wie geplant. Gefährlicher noch sind Saugglocken- oder Zangengeburten, sowohl für die Mutter wie für das Kind.

Insgesamt bezog sich die Analyse auf 66.226 Geburten, alle Mütter waren Erstgebärende, Mehrlinge waren ausgeschlossen. Die Gruppe der Wunschkaiserschnitte wies zudem manche Parameter auf, die im Hinblick auf die Ergebnisse eigentlich von Nachteil waren: Die Frauen, die den Kaiserschnitt wählten, waren eher übergewichtig, hatten eine sexuell übertragbare Krankheit oder eine andere Erkrankung. Diese Bedingungen verschlechtern per se das Outcome, so dass die Vorteile des Kaiserschnitts vermutlich sogar unterschätzt wurden in dieser Studie. Außerdem wählten eher solche Mütter den Kaiserschnitt, deren Kinder im Durchschnitt deutlich größer waren oder nach künstlicher Befruchtung gezeugt wurden. Auch diese Umstände erschweren eine Geburt und bergen Gesundheitsrisiken, so dass auch deshalb zu erwarten ist, dass bei echter Vergleichbarkeit der beiden Gruppen die Ergebnisse noch einmal deutlicher zugunsten des Kaiserschnitts ausgefallen wären.

Für die Mütter sind keine Nachteile zu befürchten. Es gab nicht mehr Thrombosen unter den Kaiserschnittmüttern, obwohl dem Kaiserschnitt oft angelastet wird, er würde das Risiko dafür erhöhen. Schwere Blutungen waren gleich selten in beiden Gruppen, aber leichtere Blutungen kamen öfter nach vaginaler Geburt vor. Was Organverletzungen angeht, die ohnehin nur im Promillebereich lagen, so wies die Kaiserschnittgruppe zum Beispiel infolge der Operation nicht mehr Verletzungen auf, als die Frauen nach vaginaler Entbindung, die insbesondere Zerreißungen und Fisteln im Beckenbodenbereich betrafen. Hier bleibt die Studie im vagen, womöglich wurden auch nicht alle Beckenbodenschäden detailliert – zum Beispiel mit Ultraschall – erfasst. Andere Studien deuten daraufhin, dass in diesem Punkt die vaginale Geburt eindeutig und auch langfristig nachteilig ist für die Frauen.
Es gibt mithin immer noch keine echte Vergleichsstudie zwischen einem Kollektiv von gesunden Frauen, das den Kaiserschnitt wählt, und einem, das es auf natürlichem Wege versucht. Aber: Immer mehr Studien weisen in die gleiche Richtung, dass nämlich die geplante Kaiserschnittgeburt sicherer für das Kind ist.

Quellen:

Liu X, et al: Caesarean delivery on maternal request in China: what are the risks and benefits? American Journal of Obstetrics & Gynecology 2015;212(6):817e1-9  http://www.ajog.org/article/S0002-9378(15)00099-X/fulltext