Was geht noch nach Geburt in Sachen körperliche Bewegung? Es gibt beispielsweise – in Kanada zumindest seit dem Jahr 2025 – eine eigene medizinische Leitlinie mit Empfehlungen für körperliche Aktivitäten nach einer Geburt. Diese widmet sich den Fragen, was Frauen, die kürzlich geboren haben, tun sollten oder tun können. Zu den Faktoren, die körperliche Aktivitäten, Sport, Ausgleich, etc. schwer machen, zählt in allererster Linie: ein Beckenbodenschaden. Das wundert die Leserinnen und Leser dieses Blogs sicher nicht, aber es ist wichtig zu verstehen, dass es bereits in solchen Empfehlungen zu Buche schlägt.
Vermeldet wird das alles auf Medcape.com, einem Informationsportal für Ärztinnen und Ärzte. Worum man sich sorgt ist Folgendes: Frauen ändern ihr Gesundheitsverhalten, wenn sie Mütter werden. Was nicht erstaunlich ist, die Versorgung eines Babys wirft vieles über den Haufen. Besonders wird beklagt, die Mütter machten zu wenig Sport, bewegten sich zu wenig, würden dadurch ungesünder leben, mehr Gewicht zunehmen, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Selten wird dabei angesprochen, dass „frau“ mit herabsinkenden Beckenbodenorganen, mit Harn- oder Stuhlinkontinenz schließlich kaum joggen kann, richtiges Muskeltraining ist auch nicht so ohne weiteres möglich, und was bei schwachen Schließmuskeln bei Yoga passiert, wissen wir schließlich aus der allgegenwärtigen Vorlagenwerbung im Fernsehen. Loslassen will nicht nur gelernt sein, man benötigt auch gesunde Beckenbodenstrukturen dazu. Was also sagt und die Leitlinie? Das hier:
„The postpartum period also presents unique barriers to engaging in physical activity, such as pelvic floor dysfunction, breastfeeding, mental health challenges, infant care, and mode of delivery. Healthcare providers must consider the impact these barriers may have on implementing these recommendations during this period.“
An erster Stelle steht also der defekte Beckenboden. Was dann zu tun ist, wird auch erwähnt: nämlich bitte eine genaue Diagnostik vorantreiben, das ist einige Zeilen weiter zu lesen (Screen for pelvic floor dysfunction and refer to a pelvic health specialist as needed).
Die Verfasser und Verfasserinnen dieser Empfehlungen wollen, dass Frauen nach Geburten nicht in ein Loch von körperlicher Inaktivität fallen, das sich irgendwann nachteilig für ihre Gesundheit bemerkbar macht.
Gleichzeitig wird der Kaiserschnitt gebrandmarkt. Die Kaiserschnittnarbe könne einem körperlichen Training entgegenstehen, heißt es in diesen Empfehlungen ausdrücklich. Keine Zahlen zur Häufigkeit. Kein Vergleich mit anderen Defekten. Das ist unfair. Ich behaupte, Beckenbodenverletzungen wie Levator-Avulsion und Schließmuskelverletzungen führen überdurchschnittlich viel häufiger zu solchen Einschränkungen bei körperlicher Betätigung im Vergleich zu Kaiserschnittnarben. Aber wieder einmal wird versucht, argumentativ irgendwie abzubiegen: Die meisten Beckenbodenschäden entstehen durch natürliche Geburten, das wird nicht erwähnt. Nur der Kaiserschnitt muss mal wieder herhalten als Buhmann.
Ich erwähne das hier eigens, damit erkennbar wird, wie Frauen nach Geburten gefilterten Informationen ausgesetzt sind. Wer sich nicht auskennt, der übersieht, dass Beckenbodendefekte nicht nur der Hauptgrund für Einschränkungen eines körperlichen Trainings sind, der weiß auch nicht, dass sie meist nach natürlichen Geburten auftreten. Der liest nur: Oh, die Kaiserschnittnarbe. Und schon bleibt hängen, dass die Geburtsform Kaiserschnitt irgendwie die notwendigen Übungen verunmöglicht. So funktioniert Framing.
Quellen: https://reference.medscape.com/cc2/p10/guideline-essentials-2025-canadian-society-exercise-2025a1000852?ecd=WNL_drugguide_260204_MSCPREF_obgyn_etid8076355&uac=190610AX&impID=8076355#2