Beckenbodenschäden von Frauen beginnen im Kreißsaal – das weiß man innerhalb der Berufsgruppen, die sich mit Geburten und mit der Geburtsvor- und Nachsorge befassen. Allerdings ziehen die, die das wissen, daraus kaum Konsequenzen. Sprich, sie klären zum Beispiel die Schwangeren nicht genügend über vorbeugende Maßnahmen auf. Und nur, wer sich auskennt, wer genauso viel weiß wie die, die aufklären sollten, kann sich vor Beckenbodenschäden besser schützen. So könnte man eine Studie zusammenfassen, für die hierzulande Gesundheitspersonal befragt worden ist; zum Beispiel Hebammen oder Ärzte und Ärztinnen, die mit Geburten befasst sind. Warum ich darüber im Deutschen Ärzteblatt geschrieben habe: Weil sich die Zahl der Ärztinnen, die für sich selbst einen Kaiserschnitt wählen, um sich vor Beckenbodenschäden zu schützen, in den letzten 20 Jahren verdreifacht hat. Muss man mehr sagen? Es ist also legitim, sich vor Beckenbodenschäden mit einem Wunschkaiserschnitt schützen zu wollen – für manche, für andere aber offenbar nicht.

Die Studie ist aus vielerlei Gründen interessant. Die Resultate / die Angaben derer, die den Fragebogen beantwortet haben, lassen auf relativ gute Kenntnisse über Beckenbodenschäden schließen. Ärzte, Ärztinnen und Hebammen wissen also, dass das Risiko für Harninkontinenz, Muskelabrisse, Stuhlinkontinenz, Prolaps von Beckenorganen und für ähnliche Defekte am Beckenboden vorwiegend nach vaginalen Geburten nicht eben gering ist.

Aber die Umfrageergebnisse bestätigen auch, dass dieses Wissen den Schwangeren wenig nützt: Denn: Weder wird es ausreichend bei der Aufklärung vor einer Geburt berücksichtigt, noch im Kreißsaal, noch bei den therapeutischen Möglichkeiten nach einer Geburt. Es wird, vor allem von den Hebammen, kaum von der Pessartherapie Gebrauch gemacht – sprich: Es mangelt daran, dass die Therapeutinnen und Therapeuten vor, während und nach einer Geburt auf die einschlägigen Beckenbodenprobleme eingehen.

Dennoch ist es gut, dass es überhaupt solch eine Umfrage gibt, das ist mehr als erwähnenswert. Denn es dokumentiert die Defizite. Dass sich Arbeitsgruppen mit dem Thema „vorgeburtliche Aufklärung“ befassen, ebenso.

Worauf es aber ankommt, ist der Unterschied in Bezug auf die Kaiserschnittwünsche: Diejenigen, die sich auskennen (Ärztinnen zum Beispiel), wählen viel häufiger den Kaiserschnitt, um untenrum Schäden zu verhindern. Nun ist für mich der Prüfstein ärztlichen/medizinischen Handelns stets der Leitspruch „Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu“. Die vaginale Geburt wird von Expertinnen und Experten vielfach als optimale Entbindungsform empfohlen, der Kaiserschnitt als Notlösung. Dass aber gleichwohl innerhalb der Berufsgruppe der Kaiserschnitt als Präventivmaßnahme nicht nur theoretisch anerkannt ist, sondern auch praktisch bevorzugt wird, ist doch eigentlich erstaunlich, oder? Mir erschließt sich nicht, wie dieser offensichtliche Widerspruch weder in den Medien Interesse findet, noch letztlich an der Basis ankommt. Fragen Sie in einer Geburtsklinik beim Tag der offenen Tür doch mal, wie die dortigen Ärztinnen entbunden haben und wie die Partnerinnen der Ärzte entbunden haben.

Noch ein Wort zu den Hebammen: Für die gilt, dass sie den Kaiserschnitt im Vergleich zu den Ärztinnen deutlich seltener wählen (3,0 % gegen 38,1 %). Darüber kann man nur spekulieren. In nordischen Ländern ist es so, dass auch dort die Hebammen im Vergleich zur Normalbevölkerung mehr Kaiserschnitte haben. Hierzulande ist nicht dokumentiert, wie das in der Praxis aussieht: Das heißt, was die Hebammen sagen, können wir erfragen, Statistiken darüber, wie sie am Ende gebären, haben wir keine. Aber natürlich kennen sie auch kaum die Folgen: Sie sehen die Frauen im Kreißsaal, danach sehen nur noch Hebammen die Frauen kurz in der Nachsorge, dann auch solche, die eher nicht mehr Kreißsaal tätig sind. Von den dauerhaften Beckenbodenproblemen bekommen die Hebammen nichts oder nur wenig mit. Viele werden erst hellhörig, wenn sie selbst betroffen sind. Anders als in Skandinavien werden sie zum Beispiel nicht darin geschult, komplizierte Risse richtig gut zu versorgen. Damit bekommen sie wenig von den Verletzungen mit. Von Senkungsbeschwerden oder Inkontinenz erst recht nicht. Daher sind sich hierzulande gerade diejenigen, die bei Geburten viele falsche Weichen stellen können, am wenigstens der Gefahren ihres Tuns für den Beckenboden bewusst. Man kann es nur immer wieder anprangern, was ich hiermit erneut tue.

Quellen: https://www.aerzteblatt.de/archiv/titel/dae/2026/5/hebammen-und-medizinische-berufe-beratung-zu-beckenbodenproblemen-nach-einer-geburt-laesst-zu-wuenschen-uebrig-05a59459-1ac9-4b26-ab8f-051589cd2115 

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